Die große Blockchain-Lüge

Allgemein erleben die Kryptowährungen inzwischen eine nicht besonders kryptische Apokalypse. Der Wert führender Coins wie Ether, EOS, Litecoin und XRP ist jeweils um über 80 % gefallen, tausende anderer digitaler Währungen sind um 90 bis 99 % abgestürzt, und die restlichen wurde als unverhohlene Betrüger entlarvt. (01.11.)

Angesichts des öffentlichen blutigen Spektakels an den Märkten haben sich die Propagandisten dieser Währungen auf die letzte Zuflucht des Kryptoschurken zurückgezogen: Eine Verteidigung von „Blockchain“, der Distributed-Ledger-Software, die allen Kryptowährungen zugrundeliegt. Blockchain wurde als potenzielles Allheilmittel für alles von Armut und Hunger bis hin zum Krebs bejubelt. Tatsächlich ist es die am stärksten hochgejubelte - und am wenigsten nützlichste - Technologie in der menschlichen Geschichte.

Fantastische Geldvermehrung für einige Wenige
In Wahrheit ist Blockchain nicht mehr als ein glorifiziertes Datenblatt. Aber es hat sich zugleich zu einem Schlagwort für eine liberalistische Ideologie entwickelt, die alle Regierungen, Notenbanken, traditionellen Finanzinstitute und realweltlichen Währungen als unmoralische Machtkonzentrationen behandelt, die es zu vernichten gilt. Die ideale Welt der Blockchain-Fundamentalisten ist eine, in der die gesamte Wirtschaftsaktivität und sämtliche menschliche Interaktion einer anarchistischen oder liberalistischen Dezentralisierung unterliegen. Sie hätten es gern, dass das gesamte gesellschaftliche und politische Leben auf Public Ledgers endet, die angeblich „permissionless“ (allgemein zugänglich) und „trustless“ (nicht auf einen glaubwürdigen Intermediär wie etwa eine Bank angewiesen) sind.

Doch statt eine Utopie einzuläuten, hat Blockchain eine vertraute Form von wirtschaftlicher Hölle hervorgebracht. Einige wenige eigennützige weiße Männer (es gibt kaum Frauen oder Minderheiten im Blockchain-Universum), die sich als Heilsbringer für die armen, marginalisierten, bankenlosen Massen der Welt stilisierten, haben aus dem Nichts Milliardenvermögen angehäuft. Doch man muss sich nur die massive Zentralisierung der Macht unter den „Minern“, Börsen, Entwicklern und Vermögensinhabern von Kryptowährungen ansehen, um zu erkennen, dass es bei Blockchain nicht um Dezentralisierung und Demokratie geht, sondern um Gier.

Wer hat die Kontrolle?
So kontrolliert etwa eine kleine Gruppe von Unternehmen - die zumeist in „Bollwerken“ der Demokratie wie Russland, Georgien und China angesiedelt sind - zwischen zwei Dritteln und drei Vierteln der gesamten Kryptomining-Aktivität, und alle treiben sie routinemäßig die Transaktionskosten in die Höhe, um ihre fetten Gewinnmargen zu steigern. Anscheinend hätten es die Blockchain-Fanatiker gern, dass wir unser Vertrauen in ein anonymes Kartell setzen, das keinerlei rechtsstaatlichen Regeln unterliegt, als Notenbanken und regulierten Finanzmittlern zu vertrauen.

Vergleich mit Kryptowährungen
Ein ähnliches Muster zeichnet sich beim Handel mit Kryptowährungen ab. Volle 99 % aller Transaktionen spielen sich auf zentralisierten Börsen ab, die regelmäßig gehackt werden. Und anders als echtes Geld ist einmal gehacktes Kryptovermögen weg, und zwar für immer.

Zudem hat die Zentralisierung der Kryptoentwicklung (z.B. haben die Fundamentalisten den Ethereum-Schöpfer Vitalik Buterin als „wohlmeinenden Diktator auf Lebenszeit“ bezeichnet) die Behauptung: „Der Code ist Gesetz“ - so als sei die Blockchain-Anwendungen zugrundeliegende Software unveränderbar - bereits widerlegt. In Wahrheit haben die Entwickler die uneingeschränkte Macht, als Richter und Geschworene zu agieren. Wenn etwas schiefgeht bei einem ihrer fehlerhaften „intelligenten“ Scheinverträge und ein massiver Hackereinbruch erfolgt, ändern sie einfach den Code und überführen mit einem „Fork“ völlig willkürlich eine scheiternde Währung in eine andere, was zeigt, dass das gesamte „Trustless“-Unterfangen von Anfang nicht vertrauenswürdig war.

Ein letzter Punkt: Das Vermögen im Kryptouniversum ist sogar noch stärker konzentriert als das in Nordkorea. Ein Gini-Koeffizient von 1 bedeutet, dass eine einzige Person 100 % des Einkommens/Vermögens eines Landes kontrolliert. In Nordkorea liegt der Wert bei 0,86, in den durch relativ starke Ungleichheit geprägten USA bei 0,41 und für Bitcoin bei verblüffenden 0,88.

Mythos
Es sollte klar sein, dass die behauptete „Dezentralisierung“ ein von den diese Scheinbranche kontrollierenden Pseudomilliardären propagierter Mythos ist. Nun, da die Kleinanleger, die durch Täuschung auf den Kryptomarkt gelockt wurden, sämtlich ihr letztes Hemd verloren haben, sitzen die verbleibenden Schwindler auf Bergen von Scheinvermögen, die, wenn sie versuchen sollten, ihre „Vermögenswerte“ zu Geld zu machen, sofort weg sind.

Was Blockchain selbst angeht, so gibt es keine Institution unter der Sonne - egal, ob Bank, Unternehmen, NGO oder staatliche Behörde -, die ihre Bilanz oder ihr Transaktions- oder Geschäftsregister auf öffentliche, allgemein zugängliche dezentralisierte Peer-to-Peer-Ledgers stellen würde. Es gibt keinen überzeugenden Grund, warum derartige interne, überaus wertvolle Informationen öffentlich erfasst sein sollten.

Verwechslungsgefahr
In Fällen, wo Distributed-Ledger-Technologien - als sogenannte Enterprise DLTs - tatsächlich zum Einsatz kommen, haben sie zudem nichts mit Blockchain zu tun. Es handelt sich dabei um private Anwendungen, die zentralisiert auf nur wenigen kontrollierten Registern gespeichert sind. Um darauf zuzugreifen, braucht man eine nur entsprechend qualifizierten Personen erteilte Zugangsberechtigung. Und vielleicht am wichtigsten: Sie basieren auf vertrauenswürdigen Instanzen, die ihre Glaubwürdigkeit im Laufe der Zeit unter Beweis gestellt haben. Was allesamt bedeutet: Es handelt sich nur dem Namen nach um „Blockchains“.

Es sagt eine Menge aus, dass alle „dezentralisierten“ Blockchains, wenn sie denn tatsächlich genutzt werden, letztlich als zentralisierte, mit Zugangsbeschränkungen versehene Datenbanken enden. Insofern hat Blockchain noch nicht einmal die gängige elektronische Tabellenkalkulation verbessert, die 1979 erfunden wurde.

Keine ernstzunehmende Einrichtung würde je zulassen, dass ihre Transaktionen von einem anonymen, aus dem Schatten der autoritären Kleptokratien der Welt heraus
operierenden Kartell verifiziert werden. Es ist daher keine Überraschung, dass, wenn „Blockchain“ in einem traditionellen Umfeld praxiserprobt wurde, es entweder auf dem Müll gelandet ist oder in eine private, mit Zugangsbeschränkungen versehene Datenbank umgewandelt wurde, die nicht mehr ist als ein Excel-Datenblatt oder eine Datenbank mit einem irreführenden Namen.

Autor Nouriel Roubini ist CEO von Roubini Macro Associates und Professor für Ökonomie an der Stern School of Business der New York University. Aus dem Englischen von Jan Doolan, © Project Syndicate 1995 - 2018

Foto: Pixabay/geralt

 

 

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