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Chemie-Aktien: Diese 7 europäischen Titel im Check

Erstmals seit vier Jahren beurteilt die deutsche Chemiebranche ihre aktuelle Geschäftslage wieder positiv. Doch ist das schon die Trendwende? Hohe Energiekosten, geringe Kapazitätsauslastung und strukturelle Probleme bleiben.

aktualisiert 28.8.2026

Warum europäische Chemieaktien trotz schwacher Konjunktur wieder gefragt sind

Eine schwache Wirtschaft und hohe Energiekosten belasten Europas Chemiebranche seit Jahren. Nun zeichnet sich zumindest eine zyklische Erholung ab. Lieferausfälle in Asien infolge der Blockade der Straße von Hormus erhöhen die Nachfrage nach deutschen Chemieprodukten. Die Exporterwartungen drehten im August deutlich ins Plus. Von einer nachhaltigen Trendwende kann dennoch keine Rede sein: Die Kapazitätsauslastung bleibt niedrig, die Produktion liegt deutlich unter dem Niveau von 2021 und hohe Energie- und Standortkosten belasten weiterhin die Wettbewerbsfähigkeit.

7 europäische Chemie-Aktien im Check

Analysten-Favorit Bayer: Kursplus in einem Jahr: 74 Prozent

Die Aktie von Bayer AG (ISIN: DE000BAY0017) hebt unter den Chemiewerten derzeit besonders stark ab. Der Bayer‑Kurs ist in den letzten Monaten vor allem deshalb gestiegen, weil sich das rechtliche Risiko im Glyphosat‑Komplex verringert hat und gleichzeitig positive Studiendaten aus der Pharmasparte neue Hoffnung auf künftiges Wachstum geweckt haben. Das Glyphosat-Thema bleibt zentral. Zuletzt hat sich die rechtliche Lage für Bayer weiter verbessert. Erst gestern wurde ein Einspruch gegen den geplanten 7,25-Mrd.-Dollar-Roundup-Vergleich von einem US-Berufungsgericht abgewiesen. Zuvor hatte Bayer bereits eine wichtige Entscheidung vor dem Supreme Court gewonnen.

Auch Analysten bleiben überwiegend optimistisch. Von 18 erfassten Analysten empfehlen aktuell 13 die Bayer-Aktie zum Kauf. Das durchschnittliche Zwölf-Monats-Kursziel liegt bei rund 57 Euro. Morgan Stanley sieht mit 65 Euro derzeit besonders viel Potenzial.

BASF: +10 Prozent in sechs Monaten – begrenztes Potential

Der Branchenriesen BASF (DE000BASF111) steigerte den Umsatz im zweiten Quartal um 16 % auf 17,2 Mrd. Euro. Besonders relevant für deine These: Preise +11 %, Mengen +7 %. Das EBITDA vor Sondereinflüssen erreichte 2,4 Mrd. Euro und BASF hob die Ergebnisprognose für 2026 an. Was bei Anlegern ebenfalls gut ankommt: BASF zahlt weiterhin eine hohe Dividende – die aktuelle Dividendenrendite liegt bei 5,06 %.

Analysten sehen nach dem Kursanstieg allerdings nur noch begrenztes Potenzial. Das durchschnittliche Zwölf-Monats-Kursziel liegt mit rund 52,40 Euro etwa auf Höhe des aktuellen Kurses. Kepler Cheuvreux ist optimistischer und bestätigte am 26. August die Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 59 Euro.

Evonik: +31 Prozent in sechs Monaten – Analysten gespalten

Der Spezial-Chemie-Produzenten Evonik (DE000EVNK013) meldete Anfang August ein um 24 % gestiegenes bereinigtes EBITDA von 630 Mio. Euro. Das Unternehmen profitierte von höheren Mengen und Verkaufspreisen infolge von Lieferengpässen außerhalb Europas und hatte bereits im Juni die Jahresprognose deutlich angehoben. CEO Christian Kullmann warnt allerdings ausdrücklich davor, daraus eine Lösung der grundlegenden Probleme der europäischen Chemieindustrie abzuleiten.

Die Analysten sind bei Evonik gespalten. Das durchschnittliche Kursziel von rund 18,30 Euro liegt etwa auf Höhe des aktuellen Kurses. Die jüngsten Kursziele reichen jedoch von nur 14 Euro bei JPMorgan bis 21 Euro bei Morgan Stanley.

Solvay: In einem Monat +15 Prozent – Zurückhaltung

Die Aktie der belgischen Solvay (BE0003470755)  bietet Anlegern derzeit einen ungewöhnlichen Mix aus hoher Dividendenrendite, niedriger Bewertung und neuen Wachstumschancen. Die Dividendenrendite liegt bei rund 9 %, für 2026 wird ein KGV von etwa 11 erwartet. Operativ bleibt das Umfeld allerdings schwierig: Im zweiten Quartal sank das bereinigte EBITDA organisch um 19,5 %. Ein möglicher Zukunftstreiber sind Seltene Erden. Solvay baut seine Kapazitäten im französischen La Rochelle aus und will dort ab Herbst 2026 auch Dysprosium und Terbium industriell trennen. Analysten bleiben dennoch zurückhaltend: Das durchschnittliche Kursziel von rund 25 Euro liegt etwa auf Höhe des aktuellen Aktienkurses.

Brenntag: +14,7 Prozent in einem Monat – Vorsicht dominiert

Auch die Entwicklung der Papiere des deutschen Chemiedistributors Brenntag (DE000A1DAHH0), Weltmarktführer in der Chemie-Distribution, sticht hervor. Im letzten Monat zog der Titel um fast 15 Prozent an (Stand 28.8.2026). Als strategische Holding fungierend, operiert Brenntag als Bindeglied zwischen Chemieproduzenten und der weiterverarbeitenden Industrie. Die Gesellschaft bezieht hohe Volumina und gibt diese dann zeitlich bedarfsgerecht in benötigten Größen an Kunden der Nahrungsmittel‑, Mineralöl‑, Pharma‑ oder Körperpflegeindustrie weiter.

Nach dem kräftigen Kursanstieg sind Analysten allerdings vorsichtig. Das durchschnittliche Kursziel liegt derzeit mit rund 57,70 Euro sogar unter dem aktuellen Kurs; zehn von 15 erfassten Analysten empfehlen, die Aktie zu halten.

Lenzing: Aktie verliert 4 % in einem Monat – Zurückhaltende Analysten

Lenzing, hat im ersten Halbjahr den Gewinn nach Steuern auf 35,6 Mio. Euro mehr als verdoppelt. Gleichzeitig bleiben gedämpfte Nachfrage, volatile Energie- und Rohstoffpreise sowie der verschärfte Wettbewerb aus Asien Belastungsfaktoren. Neu ist vor allem die Strategie „Grow Nonwovens, Reset Textiles“. Außerdem hat die außerordentliche HV am 25. August eine Kapitalerhöhung von rund 300 Mio. Euro beschlossen.

Bei den Analysten überwiegt derzeit dennoch die Zurückhaltung. Die Kursziele reichen von 18 Euro bei ODDO BHF bis 29,50 Euro bei Berenberg. Der Analystenkonsens erwartet allerdings eine operative Verbesserung: Das EBITDA soll von 413 Mio. Euro 2025 auf 440 Mio. Euro 2026 und 468 Mio. Euro 2027 steigen.

Henkel: -0,9 Prozent in einem Monat – wenig zu holen

Der Dividendenbringer Henkel (DE0006048408) meldete im ersten Halbjahr 3,2 % organisches Umsatzwachstum, eine bereinigte EBIT-Marge von 15,7 % und ein um 7,1 % gestiegenes bereinigtes EPS bei konstanten Wechselkursen. Außerdem wurde die Umsatzprognose für 2026 angehoben.

UBS bestätigte im August Neutral mit 71 Euro, während Deutsche Bank Buy mit 76 Euro (aktuell 69 Euro) beibehielt. Interessant: UBS lobte zwar die starken Quartalszahlen, sieht für die kommenden zwölf Monate aber weiterhin Herausforderungen.

Mit Chemie-Aktien ETF breit streuen

Wer das Einzelaktienrisiko vermeiden will, kann die Branche auch über einen ETF abdecken. So bildet der iShares STOXX Europe 600 Chemicals ETF (DE) die größten Chemieunternehmen Europas ab. Dieser legte in den vergangenen drei Monaten um knapp 3 Prozent zu. 

Anneliese Proissl