Profiteure des Energiehungers

Sind Aktien der Versorger die schlüssigste Investition unserer Zeit?

Roman Steinbauer. Die Ausbreitung der Digitalisierung sowie die Durchdringung der Lebensbereiche durch Künstliche Intelligenz rückt Versorger-Aktien ins Rampenlicht. Im Gegensatz zu vagen Hoffnungen und Spekulationen nimmt die Stromnachfrage so gut wie gesichert weiter zu. Nicht zuletzt verschieben sich je nach Region und Kontinent die Marktanteile in einer zuvor nicht gekannten Geschwindigkeit. Darüber hinaus beeinflussen politisch motivierte Argumente als auch Emissionsfaktoren die Wahl der Energiequellen und letztlich der Anbieter.

Beschleunigung der Stromnachfrage
Der jüngste Ausblick der Internationalen Energieagentur (IEA) rückt Relationen zurecht, die in Europa und dem Verständnis der westlichen Welt (noch) wenig Akzeptanz finden. Einerseits weist die IEA auf den Umstand hin, wonach global im Jahr 2024 noch mehr als 730 Mio. Menschen keinen Zugang zu Elektrizität hatten. Andererseits verweisen die IEA-Analysten auf die entstandene Trendführerschaft des südostasiatischen Raums. In diesem Teil der Welt werde demnach global die Zukunft der Stromerzeugung entschieden. Die IEA sieht für heuer ein Wachstum der weltweiten Elektrizitätsnachfrage um 3,3 %, während diese 2026 bereits auf 3,7 % anziehen soll. Die Angebotskapazitäten für erneuerbare Varianten sollen sich indes bis zum Ende des Jahrzehnts verdoppeln, wobei in diesem Segment die Solarenergie rund 80 % des Wachstums bei Erneuerbaren generieren dürfte, gefolgt von Wind-, Hydro-, Bioenergie- und Geothermieanlagen.

Wachstum und Solidität als Kombination
Daraus ergibt sich für Langfristanleger eine rational und simpel gedachte Überlegung: Sind – abseits oft zeitlich begrenzter Trends im Technologiesektor – Aktien der Versorger nicht die schlüssigste Investition unserer Zeit? Die Unternehmen der Branche, die zum Unterschied zu Energieaktien auch die Infrastruktur zur Lieferung bereitstellen, sind älteren Marktteilnehmern seit Jahrzehnten als solide, defensive Wertpapieranlage geläufig. Doch treten mit dem ausgeprägten Energiehunger nun weitere Triebfedern in Kraft. Die Autorin und Marktanalystin des Finanzdienstleisters Morningstar, Tori Brovet, beschrieb Anfang Oktober in einem Artikel den Reiz von Versorger-Aktien. So biete ein großer Teil der börsennotierten Standardtitel des Segments eine äußerst attraktive Dividendenrendite. Ein potenzieller Konjunktureinbruch beeinträchtige die Nachfrage nach Strom und Gas nur gering. Dazu operieren die Gesellschaften zum Teil in regulierten Märkten, die konstante Gewinne versprechen und so die Volatilität im Portfolio reduzieren.

Dauerläufer mit reduziertem Risikopotenzial
Derzeit wirkt die Performance des „F.A.Z. Euro Energie Index“ mit einem Anstieg von +8,50 % binnen eines Jahres unspektakulär. Doch langfristig nahm sich dieser mit +91 % im Fünf-Jahres-Vergleich sehr gewinnträchtig aus. Zudem übertrumpfte im 1. Halbjahr der Branchenindex Stoxx Europe 600 Utilities mit +13 % den Stoxx Europe 600 (+8 %) deutlich. Wermutstropfen: Die Anteilscheine heimischer Anbieter wie die des Verbunds oder der EVN enttäuschten im Vergleich leider. Doch schlagen hier stets potenziell drohende staatliche Strompreiseingriffe durch, die die Gewinnentwicklung der Gesellschaften hemmen. Generell weisen die etablierten Energielieferanten Europas aber äußerst attraktive Ausschüttungen aus.

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