Liegt der Öl-Preis bald bei 30 US-Dollar?

Jens Korte ist der Wall Streeter und berichtet für uns aus New York

Drill, Baby, drill! Das versprach Donald Trump der Ölindustrie und seinen Wählern im Wahlkampf. Doch die Ölkonzerne stecken in einem Dilemma. Zum einen macht die Regierung den Weg frei für neue Öl- und Gasprojekte. Doch auf der anderen Seite droht global eine Ölschwemme. Die Opec+-Staaten wollen den Amerikanern nicht das Feld überlassen, sie kämpfen um Marktanteile und sind nicht mehr bereit, zu Lasten der eigenen Quoten die Förderung zu drosseln.

Seit April haben die Opec+ Staaten jeden Monat die Förderquoten gesteigert. Erst am vergangenen Wochenende wurde erneut eine weitere Steigerung beschlossen. Das erhöhte Angebot ist einer der Gründe, warum der Ölpreis kürzlich unter die 60-USD-Marke pro Barrel fiel (die US-Sorte West Texas Intermediate, Anm.). Die Situation könnte sich 2026 zuspitzen. Laut der International Energy Agency könnte der tägliche Überschuss im kommenden Jahr vier Millionen Barrel erreichen. Mit anderen Worten: Es würden im Schnitt pro Tag vier Millionen Barrel mehr gefördert als benötigt oder nachgefragt werden. Mitte der 90er Jahre betrug dieser Überschuss keine 500.000 Barrel. Und es würde im Vergleich zu diesem Jahr fast einer Verdoppelung entsprechen.

Erste Analysten prognostizieren, dass der Ölpreis im kommenden Jahr auf rund 35 USD pro Barrel absacken könnte. Solche Schätzungen sind aber immer mit Vorsicht zu genießen. Zum einen haben die Opec+-Staaten angedeutet, dass sie eventuell im kommenden Jahr auf weitere Steigerungen bei den Förderquoten verzichten wollen. Dann ist auch die Frage, ob die Ölkonzerne die Produktion drosseln, um die Preise zu stabilisieren. Zumindest für die großen US-Ölmultis scheint das bisher jedoch noch nicht zu gelten. Exxon Mobil hat für das abgelaufene Quartal Rekordquoten bei den Ölvorkommen in Guyana sowie den Fracking-Feldern im Permian Basin in den USA gemeldet. Chevron hat für die USA ebenfalls einen Rekord-Output erzielt.

Ölaktien sind nichts für schwache Nerven
Spurlos gehen die tiefen Preise nicht an den Ölkonzernen vorbei. Exxon meldet einen Gewinnrückgang um 12 %. Bei Chevron ist der Gewinn sogar um 21 % gefallen. Als Gegenmaßnahme hatte Chevron angekündigt, bis Ende 2026 rund 20 % der globalen Belegschaft zu kündigen. Das letzte Mal, dass der Ölpreis bei 30 USD notierte, war zur Hochphase der Pandemie. Doch dann ging es auch wieder hoch auf mehr als 100 USD pro Barrel.

Nun folgt also die nächste Stressphase für den Ölmarkt. Investitionen in den Ölsektor sind nichts für schwache Nerven.

Foto: Korte