Kampf dem „Biedermeier-Effekt“ und der Selbstverzwergung
Florian Beckermann. Wirtschaftliche Unsicherheit, politische Ängste und Pessimismus fördern eine Hinwendung nach innen zu Sicherheit und Gewissheit: Der „Biedermeier-Effekt“. Nach dem renommierten Edelman Trust Barometer 2026 für 28 Wirtschaftsnationen, dominiert weltweit inzwi-schen eine abgeschottete Vertrauenshaltung: 7 von 10 Menschen sind nicht bereit oder zögern, jemandem zu vertrauen, der sich von ihnen unterscheidet. Ein Rekordwert.
Doch diese Art des Isolationismus, ja lokale Selbstverzwergung, beschränkt vorteilhafte Fortschrittsentwicklungen nachhaltig. Was im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung noch eine Charakterfrage sein kann, ist für Unternehmen toxisch. Sie müssen gegen diese Abschottung angehen und den Biedermeier bekämpfen – nicht nur um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Unternehmensintern: Bleiben vertrauensbeschränkende Unterschiede schlecht adressiert, werden sie die Produktivität behindern. Die Führungsstärke des Managements wird untergraben. Der Widerstand gegen Innovation verhärtet sich. Gegen geopolitische Abschottung sind multinationale Unternehmen nahezu verpflichtet sich zu einem polynationalen Modell weiterzuentwickeln. Ein (gegebenenfalls teures) Modell was auf Investitionen in langfristige lokale Beziehungen ausgerichtet ist.
Doch wie gelingt ein Brückenbau? Interessanterweise werden Unternehmen im Rahmen der Vertrauensvermittlung die höchsten Kompetenzen zugesprochen (den letzten Platz nehmen übrigens „Regierungen“ hier ein). Wobei Vertrauensvermittlung eine Strategie und Kompetenz für Institutionen oder Einzelpersonen ist. Sie konzentriert sich darauf, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, statt zu versuchen, sie zu verändern. Vorurteilsfreies Zuhören und das Übersetzen unterschiedlicher Realitäten sind zwei zentrale Kompetenzen eines Vertrauensvermittlers. Richtig umgesetzt, kann dies Gräben überbrücken. Unternehmen weisen beim Thema Vertrauensvermittlung die geringste Lücke zwischen Erwartung und tatsächlicher Leistung auf und genießen ein hohes Maß an Vertrauen bei ihren Mitarbeitenden.
Fazit: Angesichts dieser Zwänge und Chancen sind die Handelsabkommen der EU (Mercosur, Indien usw.) eine politische Antwort. Sie sollen Rahmenbedingungen schaffen, die den Brückenbau für Unternehmen zu erleichtern. Dass sich im Förder-Nirwana befindliche Branchen, wie die europäische Landwirtschaft, auflehnen, mag auch einem dortigen Biedermeier-Effekt geschuldet sein. Unabhängig vom Ausgang der Mercosur-Posse mag sich die EU einer Fehleranalyse unterziehen: Warum braucht es erst den Druck der geopolitischen Katastrophen, um solcherart Abkommen politisch über die Ziellinie zu bekommen?
Und, hat man in Brüssel verstanden, dass die Strategie des „Wandel durch Handel“ nicht besonders erfolgreich war zuletzt? Jedenfalls ist der Kampf gegen den Isolationismus aufgenommen.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at
