Neue ÖBAG-Strategie: Machtanspruch mit Konfliktpotenzial

Florian Beckermann (30.04.2026). Im globalen Wettkampf, nationale Interessen zu betonen, scheint auf den ersten Blick politisch vernünftig. Insofern vollzieht Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer mit der neuen ÖBAG-Strategie einen rationalen Paradigmenwechsel: Weg von einer fiskalisch orientierten Beteiligungsholding hin zu einem aktiven industriepolitischen Instrument. Alles gut? Für die Miteigentümer nicht unbedingt.

Kern der Strategie ist die Transformation der ÖBAG zur „Standortholding“. Beteiligungen sollen stabile Dividenden liefern und (!) aktiv gesteuert zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen. Konkret: eine stärkere Einflussnahme auf Unternehmensstrategien mit Fokus auf Innovation, Infrastruktur, Energiesicherheit und technologische Souveränität. Die ÖBAG wird zu einem Steuerungsinstrument, das über Schlüsselunternehmen wie OMV, Verbund oder Telekom Austria indirekt Strukturpolitik betreibt. Nachvollziehbar: In Zeiten geopolitischer Unsicherheit soll die Kontrolle über Infrastruktur und Schlüsselindustrien gesichert werden – wenn man sie denn jemals verloren hat. Die Strategie folgt einem internationalen Trend, Beteiligungen gezielter zur Standortpolitik einzusetzen. Es duftet nach Interventionismus. Macht als Strategie verkleidet.

Für Streubesitzaktionäre und den internationalen Kapitalmarkt birgt das Konflikte. Diese investieren mit dem Ziel der Renditeoptimierung und erwarten eine klare Orientierung am Shareholder-Value – ohne Wenn und Aber. Wenn der Staat mit „other people‘s money“ politisch agieren will, wird’s gefährlich. Denn die nächste Wahl kommt bestimmt und das ist kein Aktionärstermin.

Operativ überspitzt: Wenn Beteiligungsunternehmen etwa in ökonomisch sinnlose Infrastruktur, Hochrisiko-Start-ups oder Innovationen à la „Kaufhaus Österreich“ investieren müssen, beeinflusst dies nicht nur die Gewinne, sondern auch die Reputation. Börsengelistete AGs sind nicht die Spardose oder der Selbstbedienungsladen des Staates. Wer das möchte, muss ein Angebot machen und die Gesellschaften von der Börse nehmen.

Unter Edith Hlawati hat sich die ÖBAG weitgehend von politischer Einflussnahme emanzipiert und mit Global-Playern syndiziert. Wird dies durch die neue Strategie erodiert, schlittert man auch in Konflikte mit den Partnern. Bewertungsabschläge drohen sowieso. Hart erarbeitetes Vertrauen wäre dahin. Viel Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. Chancen? Natürlich können langfristige Investitionen Wettbewerbsvorteile schaffen. Natürlich kann ein staatlicher Ankeraktionär in Krisenzeiten stabilisierend wirken.

Die ÖBAG-Strategie scheint ein klassischer Zielkonflikt zwischen Staatsinteressen und Kapitalmarktlogik zu werden. Warten wir auf Details. Es ist zu hoffen, dass es gelingt, die neue Rolle mit klaren Corporate-Governance-Regeln und Personen zu verbinden – nur dann kann die Strategie sowohl standortpolitisch wirksam werden als auch kapitalmarktfähig bleiben.

Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at