Wie die zweite Säule die Pensionen stabilisieren kann

Die Reform der betrieblichen Altersvorsorge sei ein wichtiger Schritt, doch weitere müssen folgen.

(22.05.2026) Mit der Zukunft der Vorsorge und der Frage, welchen Beitrag die Betriebliche Altersvorsorge zur nachhaltigen Finanzierung der Pensionen leisten kann, beschäftigte sich eine Veranstaltung der Österreichischen Gesellschaft für Versicherungsfachwissen (GVFW) am Dienstag dieser Woche.

In ihrer Keynote ging Universitätsprofessorin Monika Köppl-Turyna auf die geplante Reform der betrieblichen Altersvorsorge und notwendige weitere Schritte ein und gab Handlungsempfehlungen für die Weiterentwicklung des Pensionssystems. Einleitend präsentierte sie einige – im Wesentlichen bekannte – Zahlen: 15,5 % des BIP flossen in Österreich 2024 in Pensionen. Wie viel es zukünftig sein werden, „wissen wir noch nicht“, das Niveau werde aber „sehr, sehr hoch“ sein, so Köppl-Turyna. Dies sei „signifikant“ mehr als in anderen Ländern wie Dänemark, den Niederlanden oder Schweden, wo es zwischen 7 und 8 % sind. Und die 74,9 MrdE müsse man auch in Relation zu anderen Bereichen sehen: Für Wirtschaft, Infrastruktur und Umwelt wurden hierzulande 22,4 MrdE ausgegeben.

Für Wirtschaft positiv

Pensionsfonds hätten auch positive Auswirkungen auf die Wirtschaft: Ein Prozent mehr Pensionsfondsvermögen erhöhe das Wirtschaftswachstum um bis zu 0,07 %. Eine große Rolle spiele dabei die Qualität der Veranlagung, es gebe eine starke Korrelation zwischen Aktienanteil und Wachstumsimpuls. Wichtig sei auch, dass Pensionskassen weltweit die wichtigste Finanzierungsquelle für Venture Capital sind; bei der Verfügbarkeit von Risikokapital würden Europa, besonders aber Österreich allerdings hinterherhinken. In Europa wiederum sei es „kein Zufall“, dass jene Länder (Estland, Dänemark, UK und die Niederlande) den höchsten Anteil von Venture Capital am BIP haben, die über starke zweite und dritte Säulen verfügen.

Wissenschaftliche Evidenz

Köppl-Turyna erinnert in diesem Zusammenhang an das makroökonomische Modell, wonach Ersparnisse genauso hoch sind wie die Investitionen. Es lasse sich zeigen, dass obligatorische Pensionsfonds die nationale Sparquote signifikant erhöhen.

Freiwillige Systeme würden dagegen primär der Portfolioumschichtung dienen. Auto-Enrollment, die automatische Aufnahme von Arbeitnehmern in ein System der betrieblichen Altersvorsorge, zeige dagegen Wirkung. Arbeitgeberbeiträge seien dabei sinnvoller als Arbeitnehmerbeiträge.

Aber auch die Unternehmen selbst würden profitieren: So hätten Firmen mit Pensionsfonds-Beteiligung eine höhere Wahrscheinlichkeit, Patente vorzuweisen, und würden eine höhere Stundenproduktivität ausweisen, so Köppl-Turyna.

Nur ein erster Schritt

Abschließend beschäftigte sich Köppl-Turyna mit der Weiterentwicklung des Pensionssystems. Sie empfiehlt ein Auto-Enrollment für alle Arbeitnehmer ohne betrieb-liche Pensionslösung, ein Opt-out (Möglichkeit des Widerspruchs) sei gegenüber Opt-in (aktive Zustimmung nötig) zu bevorzugen.

Die Beitragssätze sollten schritt-weise auf 3 bis 5 % angehoben werden; angesichts der hohen Lohn-nebenkosten in Österreich müsse aber jede Reform dafür sorgen, dass die Gesamtbelastung nicht steigt, Pensionsversicherungsbeiträge müssten daher gesenkt werden.

Auch bei den Mitarbeitervorsorgekassen sollte der Beitragssatz von derzeit 1,53 % erhöht werden. Wichtig wäre auch, vorzeitige Entnahmen weiter einzuschränken und die Verrentungsoption steuerlich zu begünstigen.

Und schließlich empfiehlt Prof. Köppl-Turyna ein einheitliches EET-Regime (Exempt-Exempt-Taxed), das Steuerfreiheit von Einzahlungen und Erträgen während der Ansparphase und eine Versteuerung der Rentenauszahlungen vorsieht, für die zweite und dritte Säule.

Diskussion um Reform auch der ersten Säule

In der anschließenden Diskussion betonte Ralph Müller, Generaldirektor der Wiener Städtischen Versicherung, die Notwendigkeit von Maßnahmen zur Absicherung der ersten Säule; nötig sei vor allem die Anhebung des Pensionsantrittsalters „ohne weitere Ansprüche an das staatliche System“.

Dem hielt aber Nationalratsabgeordneter Kai Jan Krainer von der SPÖ entgegen, das Einzige, das kurzfristig wirke, seien niedrigere Pensionsanpassungen; alles andere, wie höheres Pensionsantrittsalter oder längerer Durchrechnungszeitraum würden Jahrzehnte brauchen, um zu wirken.

Für eine Diversifizierung des Pensionssystems sprach sich Nationalratsabgeordneter Christoph Pramhofer (Neos) aus. Kapitalgedeckte Systeme würden vom Zinseszinseffekt profitieren, eine Kombination beider Systeme (Umlage und Kapitaldeckung) sei besser als jedes für sich allein.

Andreas Csurda, Vorstandsmitglied der Allianz Pensionskasse und Obmannstellvertreter des Vorsorgeverbandes der Wirtschaftskammer, sieht allerdings die Reformbereitschaft in Österreich gering: Die zweite Säule entspreche noch nicht dem, „was wir im Vortrag gehört haben“.

Was noch kommen muss

Die Dynamik eines freiwilligen Systems sei geringer als die eines Obligatoriums, so Csurda mit Hinweis aus die „andere Dynamik in den Vorsorgekassen“. Es gelte dieses Potenzial zu heben. Stellschrauben seien die Abschaffung von Kapitalgarantien und die Verlängerung der Liegedauer. Für Pramhofer brauche es noch mehrere weitere Schritte. Neben „Opt-out statt Opt-in“ und Steuerbegünstigungen wünscht er sich höhere Beiträge für die Vorsorgekassen. 1,53 % würden zehn Prozent mehr Nettopension bringen, bei drei Prozent würde dies 20 % mehr Nettopension bedeuten.

Krainer machte darauf aufmerksam, dass es auch im öffentlichen Bereich verschiedene Pensionssysteme gibt: ASVG-Pensionen würden eine höhere Deckungsrate und weniger Staatsbeitrag als andere aufweisen, auch sei der Beitragssatz laut ASVG höher als bei anderen. Müller schließlich sieht die jetzt erzielte Einigung als „sehr guten, ersten Schritt“. Die Valorisierung der Zukunftssicherung nach § 3 EstG „würde uns freuen“, die hohe Steuerbelastung der dritten Säule sollte man überdenken.

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Autor: Marius Perger