Die „Werkzeughersteller des KI-Booms“

Anleger sollten die gesamte Wertschöpfungskette im Blick behalten.

(26.06.) Auch wenn es in den letzten Wochen und Monaten zwischenzeitlich immer wieder danach aussah, findet der KI-Hype an der Börse weiter kein Ende. Im Gegenteil: Nachdem in der ersten Phase des Booms der Fokus der Anleger auf Themen wie KI-Modelle und Halbleiter gerichtet war – und damit auf Unternehmen wie Nvidia, Broadcom oder Micron Technology – liegt er nun auf den Herstellern von Speicherchips oder den Anbietern von Massenspeichersystemen.

Rasantes Wachstum
Bernhard Ruttenstorfer
, Fondsmanager des Espa Stock Techno, bezeichnet Unternehmen wie die Festplattenhersteller Seagate und Western Digital als die „Werkzeughersteller des KI-Booms“. „Auch ihr Geschäft wächst aufgrund der breiten Nachfrage und hohen Investitionen extrem“, sagt er im Gespräch mit dem Börsen-Kurier und verweist auf die bereits jetzt bis Ende 2027 vollen Orderbücher der Anbieter. Aktuell würden die Rechenzentren den Markt leerkaufen. „Egal, ob Halbleiter oder Hardware, einfach nichts bleibt über.“

Neben den rasant steigenden Nutzerzahlen wird der Boom auch von den immer größeren Summen, die US-Tech-Konzerne wie Google, Microsoft, Amazon oder Oracle in KI bzw. KI-Infrastruktur investieren, befeuert. Für heuer wird ein Investitionsvolumen von 670 Milliarden US-Dollar erwartet, bis 2027 soll es auf 790 Milliarden US-Dollar steigen. Kann da überhaupt was schiefgehen?

Rechtfertigen Erlöse Investitionen?
Für Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, ist die entscheidende Frage, ob Cloud-Dienste, Unternehmenssoftware, KI-Abonnements und neue Anwendungen genug zusätzliche Erlöse bringen können, um die hohen Investitionen zu rechtfertigen. „Verläuft die Monetarisierung langsamer, könnten Unternehmen ihre Investitionen kürzen, was Folgen für die gesamte KI-Wertschöpfungskette hätte“, meint der Experte in einer aktuellen Analyse.

Auch Ruttenstorfer betont, wie wichtig es ist, dass die Kunden der „Werkzeughersteller“ von ihren Investitionen wirklich profitieren. „Während das vor einem Jahr noch nicht so klar war, sehen wir jetzt, dass sich das Umsatzwachstum im Cloud- und KI-Bereich mehr und mehr beschleunigt“, hält er fest. Als Beispiel nennt er Google. Der Tech-Konzern hat für das erste Quartal 2026 ein Umsatzplus von mehr als 60 % erzielt. „Vor einiger Zeit lag das noch bei 30 bis 40 %.“ Eine ähnliche Entwicklung sei auch bei Amazon und Microsoft auszumachen.

KI-Wertschöpfungskette analysieren
Wie können Anleger künftige Gewinner ausfindig machen? Ruttenstorfer versucht sehr genau zu analysieren, in welchen Bereichen der KI-Wertschöpfungskette die Nachfrage am größten ist bzw. welche Märkte unterversorgt sind. „Dort haben die Anbieter die Möglichkeit, nicht nur das Volumen zu steigern, sondern auch die Preise zu erhöhen“, erklärt er. Galler empfiehlt Anlegern, sich auch mit der breiteren Wertschöpfungskette, und damit Themen wie Energieerzeugung, Kühlung, elektrische Komponenten sowie Bau- und Ingenieurleistungen, zu beschäftigen.

Klar scheint jedenfalls, dass die rasanten Wachstumsraten nicht bis in alle Ewigkeit zu sehen sein werden. Ruttenstorfer bleibt vom Thema KI an der Börse trotzdem überzeugt. „Heute kann praktisch jeder selbst erleben, wie sinnvoll KI im beruflichen und privaten Alltag genutzt werden kann“, meint der Tech-Fondsmanager. Mit Spannung erwartet er nun die IPOs von Anthropic und OpenAI, die im dritten Quartal über die Bühne gehen sollen. Beide KI-Konzerne schreiben noch keine Gewinne, könnten aber mit rund 1 Billionen US-Dollar bewertet werden. Ein Ende des KI-Hypes ist also weiterhin nicht in Sicht.

Autor: Mag. Patrick Baldia
Foto: AdobeStock / Dola