Ein Masterplan für die Wiener Börse

Der international anerkannte Ökonom Christian Keuschnigg hat den heimischen Finanzstandort einer ausführlichen Analyse unterzogen.

„Die Bedeutung des Finanzplatzes für eine Volkswirtschaft kann man nicht hoch genug einschätzen. Er versorgt alle Teile des Wirtschaftslebens – die Haushalte, Unternehmen und den Staat“, so Christian Keuschnigg, der gemeinsam mit Michael Kogler für die aktuelle Studie „Finanzplatz Österreich. Eine Strategie für Wachstum und Stabilität“ verantwortlich zeichnet. Keuschniggs Worte haben Gewicht, der bekannte Wirtschaftsforscher war Leiter des IHS und ist derzeit an der renommierten Universität St. Gallen tätig.

„Ein leistungsfähiger Finanzplatz und entsprechende Finanzierungsmöglichkeiten sind entscheidend für Wachstum und Stabilität eines Landes. Es gibt zwei Säulen, die für den Finanzplatz wesentlich sind: Die eine bilden die Banken, die andere der Kapitalmarkt. Speziell in Österreich ist der Bankensektor überaus wichtig, weil er den Hauptteil zur Finanzierung beiträgt.“ Die Börse hinkt hingegen zurück: Ende 2014 betrug die Börsenkapitalisierung in Österreich nur 26 % des BIP, im Durchschnitt der EU waren es hingegen 59 %. Der Experte fordert deshalb „ehrgeizige Reformen“, die sowohl die Banken als auch die Wiener Börse stärken sollen.

So fordert die Studie im Rahmen eines 10-Punkte-Programms etwa eine groß angelegte Überprüfung des Investorenschutzes und der Unternehmenskontrolle: „Ein klares Kapitalmarktrecht mit einem weitgehenden Investorenschutz ist eine Voraussetzung für das Vertrauen der Anleger und ist unerlässlich, um mit mehr Investitionssicherheit die Kapitalmarktentwicklung zu forcieren“, heißt es. Auch spricht sich die Studie für eine Finanzbildungsoffensive aus und bezeichnet die steuerliche Diskriminierung von Eigenkapital als kontraproduktiv für die Stabilität von Unternehmen und Banken. Weiters sollte die steuerliche Benachteiligung riskanter Anlagen, wie Aktien durch Einführung eines Verlustausgleichs und -vortrags beseitigt werden.

Die bei der Studienpräsentation anwesenden Ludwig Nießen (Vorstandsmitglied der Wiener Börse), Andreas Zakostelsky (Obmann der heimischen Pensionskassen) sowie Franz Rudorfer (Geschäftsführer Bundessparte Bank und Versicherung der WKO) stimmten den Forderungen zu. Zakostelsky regte weiters die Wiedereinführung eines Kapitalmarktbeauftragten an.

Karl Fuchs, Geschäftsführer des Aktienforums Österreich, kommentiert für den Börsen-Kurier die neue Studie: „Die Analyse verfügt über sehr viel Substanz, wofür schon der Name Keuschnigg bürgt. Viele der Forderungen decken sich mit unseren Überlegungen und Vorschlägen, die wir auch weiter verfolgen werden.“ Der Experte will in diesem Zusammenhang nicht zuletzt auf den Punkt einer verbesserten Finanzbildung eingehen: „Diese Forderung ist nicht neu, leider ist hier keine Weiterentwicklung zu sehen. Die Situation erweist sich – durch politische Ideologie bedingt – als extrem statisch. Interessant wäre es z.B., Finanzbildungsmodule in den Pisa-Test aufzunehmen. In anderen Ländern ist das der Fall, in Österreich nicht.“ Eine Bestandsaufnahme des Schülerwissens etwa zu volkswirtschaftlichen Fragen wäre wünschenswert, Defizite würden gute Argumente liefern, um für eine verbesserte Finanzbildung politisch Druck zu machen.

Dass sich die Benachteiligung von Risikokapital negativ auswirkt, ist für Fuchs ebenfalls logisch: „Das führt natürlich nicht zu mehr Investitionen.“ Der Experte kann auch den Vorschlag von Zakostelsky für die Installierung eines Kapitalmarktbeauftragten vollauf unterschreiben: „Es wäre wichtig, einen unabhängigen Vermittler zwischen Politik und Wirtschaft zu haben, der für die Stakeholder da ist.“

Autor: Mag. Harald Kolerus (redaktion@boersen-kurier.at)

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