Die völlig unterschätzte Gefahr Berufsunfähigkeit

Wer durch Krankheit oder Unfall aus dem Arbeitsleben ausscheidet, kann schneller als man glaubt vor dem finanziellen Ruin stehen. Spezielle Versicherungen bieten leistbaren Schutz – bekannt ist dies aber kaum.

Die eigene Arbeitskraft ist ein hohes Gut – sie sichert das Einkommen und damit den Lebensunterhalt. Nicht mehr arbeiten zu können, heißt nichts mehr zu verdienen – die finanzielle Not ist bei Berufsunfähigkeit (BU) dann vorprogrammiert. Aber sorgt nicht „Vater Staat“ in solchen Fällen für seine Bürger? Nur zum Teil, wie Willi Bors, der Österreich-Chef der Dialog Lebensversicherung, einem Pionier auf diesem Gebiet, gegenüber dem Börsen-Kurier ausführt. Die begrenzte gesetzliche Absicherung bei Verlust der Arbeitskraft sei in der Regel absolut unzureichend: „Die langfristigen Auswirkungen treffen meist nicht nur den Betroffenen selbst, sondern auch die Familie. Dieses Risiko ist den Meisten oft nicht bewusst. Nicht nur ältere Menschen werden berufsunfähig – ganz im Gegenteil. Fast jeder fünfte Berufsunfähige ist noch keine 40 Jahre alt!“ Verschärfend kommt hinzu, dass es seit dem Jahr 2014 für unter 50-Jährige keine befristete Invaliditäts- bzw. Berufsunfähigkeitspension mehr gibt. Bors: „Die Betroffenen müssen sich umschulen oder behandeln lassen, sofern dies für eine Wiedereingliederung zweckmäßig und zumutbar ist.“

Unfallversicherung ist zu wenig!
Tatsächlich wird jeder fünfte Arbeitnehmer berufsunfähig und kann nicht bis zum Pensionsalter „durchhalten“. Im Jahr 2013 wurden 61.787 Anträge auf Invaliditätspensionen gestellt. Davon wurden lediglich 24.116 Anträge bewilligt. Die Krankheitsbil-der, die den Invaliditäts- bzw. Berufsunfähigkeitspensionen zugrunde liegen, haben sich in den vergangenen 20 Jahren stark verschoben. Vor einigen Jahren waren noch Herz- und Kreislauferkrankungen die häufigste Ursache. Heute stehen psychische Krankheiten mit 36 % an der Spitze, gefolgt von Erkrankungen des Be-
wegungsapparates mit 26,7 %. Damit kann es den Büroan-gestellten genauso wie den Handwerker treffen. Insofern ist die BU-Versicherung schlichtweg für alle Berufe wichtig, wobei Bors hinzufügt: „Manager und Führungskräfte sind in der heutigen schnelllebigen Zeit besonders stark von einem längerfristigen Burn-out bedroht. Eine Unfallversicherung – die immer noch sehr gerne verkauft wird – hilft da aber nicht weiter.“

Mangelndes Bewusstsein
Laut Gerfried Karner, dem Österreich-Geschäftsführer vom Mitbewerber Continentale, ist die Durchdringung mit BU-Versicherungen in der heimischen Bevölkerung nicht genau bekannt, aber jedenfalls sehr gering: „Im Rahmen einer Continentale-Studie zur Berufsunfähigkeit machen 29 % der Befragten die Angabe, sie hätten eine private Berufsunfähigkeits-Versicherung abgeschlossen. Allerdings ist hier davon auszugehen, dass dies tatsächlich nicht so ist. Viel wahrscheinlicher ist es, dass die Menschen meinen, sie hätten für den Fall der Berufsunfähigkeit vorgesorgt. Dabei wählen sie allerdings untaugliche Mittel. So wird die Unfallversicherung als die geeignetste Vorsorgemaßnahme angesehen, obwohl sie nur eine sehr kleine Ausschnittsdeckung bietet.“

Helmut Karner, Direktor der Gothaer Lebensversicherung in Österreich, ergänzt im Gespräch mit dem Börsen-Kurier, dass materielle Werte in hierzulande oft besser versichert seien als die eigene Arbeitskraft: „Die BU wurde in den vergangenen Jahren immer wieder thematisiert, bei der Bewusstseinsbildung besteht aber nach wie vor Nachholbedarf. Wenn die eigene Arbeitskraft ausfällt, gibt es auch kein materielles Einkommen und wichtige Bedürfnisse können nicht mehr abgedeckt werden.“ Der Experte plädiert deshalb für mehr Aufklärung auf diesem Gebiet, die breit gestreut sein sollte: „Sowohl die Versicherer selbst haben hier ihren Beitrag zu leisten, ebenso wie Medien und die staatliche Seite, denn BU geht jeden etwas an.“

Schutz um leistbares Geld
Karner führt weiter aus, dass mit einer BU-Versicherung die Lebenserhaltungskosten – wie Miete, Betriebskosten etc. – abgedeckt sein sollten. In Österreich kann man diese grob mit 700 bis 1.000 Euro monatlich angeben, wie hoch die Prämie für eine solche Absicherung ausfällt, lässt sich nicht standardisiert beantworten, weil hier verschiedene Faktoren ins Spiel kommen. Das Alter des Versicherten und sein Beruf wirken sich logischerweise auf die Kosten Versicherung aus: So steigt das Erkrankungsrisiko mit zunehmenden Alter; und ein Feuerwehrmann z.B. weist in seiner Tätigkeit ein anderes Risikoprofil auf als ein Büroangestellter. Über den Daumen gepeilt kann man aber die monatliche Prämie für eine Versicherung mit 25 bis 50 Euro angeben.

Helmut Karner: „Es ist nicht ungewöhnlich, dass Eltern für die Handyrechnung eines Kindes 50 bis 70 Euro im Monat ausgeben. Mit ähnlichen Beträgen lässt sich eine sinnvolle BU-Versicherung abschließen, die existenzielle Risiken abdeckt. Das sollte das Geld wert sein.“

Günstige Variante
Als Alternative zu BU-Produkten ist auch ein Schutz bei Erwerbsunfähigkeit (EU) erwähnenswert. Dazu meint Gerfried Karner von der Continentale: „Bei der EU-Versicherung ist die Leistungsfrage klar definiert, nämlich: ,Kann ich noch einer Erwerbstätigkeit nachgehen?’ Natürlich schützt eine BU umfassender, aber wenn diese wegen der gesundheitlichen Vorgeschichte nicht abschließbar oder zu teuer ist, stellt die EU eine gute und auch die einzige echte Alternative dar.“ Er rät auch dazu mit dem Versicherungsschutz möglichst in jungen Jahren zu beginnen: „Ein Schüler kann sich z.B. bei der Continentale schon ab 15 Euro Startbeitrag versichern, ein 35-jähriger Tischler muss für eine 1.000 Euro umfassende monatliche BU-Rente rund 85 Euro für eine BU zahlen, für eine EU rund 40 Euro.“

Autor: Mag. Harald Kolerus (redaktion@boersen-kurier.at)

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