ATX: Mehr als 6 % Rendite pro Jahr seit 1991

In Wien weht ein frischer Wind. Im Interview spricht der neue Börse-Chef Christoph Boschan über seine Pläne.

Börsen-Kurier: Die Wiener Börse steht vor einer Reihe von Herausforderungen – wo werden Sie im angelaufenen Jahr Schwerpunkte setzen?

Christoph Boschan: Wir müssen den Marktteilnehmern die beste Infrastruktur zu wettbewerbsfähigen Konditionen anbieten. Daran werden wir auch in Zukunft arbeiten. Die Ausgangslage ist gut, denn die Wiener Börse ist mit Abstand Marktführer im Handel mit österreichischen Aktien. Das ist nicht mehr an allen Nationalbörsen der Fall. Die Wiener Börse bietet Anlegern im Handel mit österreichischen Aktien bei weitem die besten Ausführungspreise, die höchste Liquidität und die beste Informationsversorgung.

Börsen-Kurier: Mangelndes Finanzwissen, geringes Interesse am Kapitalmarkt und eine generell wirtschaftsfeindliche Stimmung, wie sie in Österreich zu beobachten sind, schaden der Wirtschaft und dem Finanzplatz. Welche Möglichkeiten sehen Sie für die Wiener Börse, hier zu einer Trendwende beizutragen?

Boschan: Es ist notwendig, die Attraktivität der Aktienanlage sichtbar zu machen. Trotz gelegentlichen starken Kursrückgängen warf der ATX seit 1991 im Schnitt mehr als sechs Prozent Rendite pro Jahr ab. Da kann keine andere Veranlagungsform mithalten. Das Problem ist, dass breite Bevölkerungskreise nicht von den Überrenditen profitieren, weil es an Finanzwissen fehlt. Zudem gibt es eine Vielzahl an Studien die unterstreichen, dass Länder mit entwickelten Kapitalmärkten schnelleres nachhaltiges Wachstum haben und sich auch von Krisen rascher erholen, wie man anhand der Entwicklungen in den USA sehen kann.

Börsen-Kurier: Die Bedeutung von Eigenkapital für Wachstum und Arbeitsplätze wird oft unterschätzt, auch von der Politik. Sehen Sie Chancen, die Diskriminierung von Eigenkapital (z. B. unterschiedliche Besteuerung von Fremdkapitalzinsen und Dividenden) zu beenden?

Boschan: Selbst in einem kleinen Kapitalmarkt wie Österreich hängt jeder zehnte Arbeitsplatz von einem börsenotierten Unternehmen ab und jeder in ein börsenotiertes Unternehmen investierte Euro multipliziert sich mit dem Faktor 2,5 für die gesamte Volkswirtschaft. Die Politik sollte diesen Argumenten spezielles Augenmerk schenken. Sie kann hier sehr viel bewegen, zum Beispiel in dem sie private Anleger von der Kapitalertragssteuer befreit, solange sie Aktien über einen gewissen Zeitraum halten. Der Durchschnittsbürger investiert ja aus seinem bereits versteuerten Arbeitseinkommen, das ist eine doppelte Besteuerung.

Börsen-Kurier: Welche Initiativen wollen Sie setzen, um IPOS an der Wiener Börse zu fördern? Glauben Sie, dass diese bereits 2017 zu einem Erfolg führen werden?

Boschan: Die Österreicher sind, was ihren Börseplatz betrifft, sehr selbstkritisch. Hierzulande wird die Attraktivität des Finanzplatzes oft an der Anzahl der neuen Börsegänge gemessen. Und an Delistings, die derzeit europaweit grassieren. Tatsächlich entwickelt sich die Wiener Börse weitgehend im Gleichgewicht mit dem europäischen Gesamtbild. Einzig die Marktkapitalisierung im Verhältnis zum BIP ist nur halb so groß wie in anderen entwickelten Ökonomien. Das zeigt, welches Potenzial noch vor uns liegt. Wir ziehen aber natürlich an allen möglichen Strängen und arbeiten intensiv an der Schulung börseinteressierter Unternehmen.

Börsen-Kurier: Welche Anstrengungen wird die Börse heuer unternehmen, um eine weitere Ausdünnung des (Aktien-)Kurszettels zu verhindern?

Boschan: Viele Unternehmen die einen Abgang in Erwägung ziehen, stoßen sich unter anderem am regulatorischen Umfeld. Für einige – oft kleinere – Betriebe wurde es einfach zu teuer. Aber hier steht Österreich nicht alleine da. Im vergangenen Jahr verließen acht Prozent der notierten Unternehmen die Deutsche Börse. Ähnliches gilt für die Schweiz und Großbritannien. Die Wiener Börse ist hier mit einer Quote von 5,6 % für 2015 also keine Ausnahme. Auf das regulatorische Umfeld können wir als Börse zudem nur begrenzt Einfluss nehmen. Als Börsechef verantworte ich die Infrastruktur des Börsenhandels. Wir sind keine Zwangsbeglückungseinrichtung. Ähnlich wie der Autobahnbetreiber die Straßen verlegt oder der Stromnetzbetreiber für funktionierende Leitungen sorgt, sind wir für die Infrastruktur des Börsehandels zuständig. Wir können nur begrenzt beeinflussen, wie viele Unternehmen ihre Aktien anbieten und wie viele Investoren daran Interesse haben.

Börsen-Kurier: Die Wiener Börse konnte 2016 eine große Zahl neuer Unternehmensanleihen-Notierungen verzeichnen. Könnte Wien so etwas wie ein internationaler Hub für Corporate Bonds werden?

Boschan: Es gibt Marktphasen für Eigenkapital- und Marktphasen für Fremdkapitalfinanzierung. Aktuell werden zwar weniger neue Aktien begeben, aber dafür jede Menge Anleihen. In diesem Bereich wird der Kurszettel der Wiener Börse deutlich länger. Vor allem ausländische Anleihen sind derzeit an der Wiener Börse am Vormarsch. 2016 war auch neues Rekordjahr hinsichtlich Anzahl und Volumen von neuen Unternehmensanleihen. Es gab bisher 41 Neuzugänge mit einem Gesamtvolumen von rund 7,2 Mrd Euro. Wien gewann zudem an Bedeutung als Börseplatz für internationale Anleihen. Erst im November wählte der deutsche Pharmakonzern BAYER die Wiener Börse als ihren einzigen Marktplatz für ihre 4 Mrd Euro schwere Unternehmensanleihe. Es ist der größte Corporate Bond, der je an die Wiener Börse gebracht wurde.

Börsen-Kurier: Und zuletzt eine Schätzfrage: Wo, glauben Sie, wird der ATX Ende 2017 stehen?

Boschan: Wie vorhin bereits erwähnt liegt meine Aufgabe als Börsechef darin, die Infrastruktur des Börsehandels zu gewährleisten. Die Prognose des ATX überlasse ich den zuständigen Experten.

Das Interview führten Marius Perger und Klaus Schweinegger (redaktion@boersen-kurier.at)

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