Die Hoffnung auf die Geldflut

Es hat mehr als 17 Jahre gedauert, bis der Dow Jones von 10.000 auf 20.000 Punkte gestiegen ist. Heute wie damals haben sich die Händler auf dem Parkett Baseballkappen mit der markanten Zahl drucken lassen. Die Stimmung von heute lässt sich mit der Dynamik von damals aber nur bedingt vergleichen. Heute sind die Kappen eher ein Gag. Damals lag Euphorie in der Luft.

Es war ein Montag, der 29. März 1999, als der Dow Jones erstmals in der Geschichte die 10.000 Punktemarke sprengte. Es war die Hochphase des Dot.com-Booms. Fast täglich kamen neue Firmen an die Börse. Die Kurse zogen unaufhaltsam von Rekord zu Rekord. Die Börsengänge wurden mit wilden Partys gefeiert. Das Kursgewinnverhältnis der im Nasdaq Composite notierten Unternehmen stand im März 2000 bei rund 175. Dann platzte die Blase.

Heute nehmen die wenigen verbliebenen Händler auf dem New Yorker Parkett die Rekorde wesentlich gelassener, fast beiläufig zur Kenntnis. Dabei kann sich die Rallye durchaus sehen lassen. Nach der Finanzkrise brach der Dow Jones im März 2009 auf 6.500 Punkte ein. Seitdem haben sich die Kurse mehr als verdreifacht.

Bietet die momentane Coolness den Nährboden für weitere Rekorde? Manche Analysten sehen den Dow Jones Industrial Average nicht nur bei 21.000 sondern bereits bei 24.000 Zählern. Die Portfoliomanager von First Trust halten es nicht für ausgeschlossen, dass der Dow in diesem Börsenjahr bis auf 23.750 Punkte ziehen könnte.

Woher kommt die waghalsige Prognose? First Trust ist der Meinung, dass mit den steigenden Energiepreisen die Gewinne der Energieunternehmen kräftig anziehen werden. Entsprechend Luft nach oben gebe es für die Kurs-Gewinn-Verhältnisse.

Für kräftigen Auftrieb hat die Wahl von Donald Trump gesorgt. Die Aussicht auf fallende Steuern und weniger Regulierung haben Blue Chips innerhalb weniger Wochen rund 1.400 Punkte gebracht. Der frischgekürte Präsident will den US-Unternehmen die Möglichkeit einräumen, ihre im Ausland erzielten Gewinne günstig zurückzuführen. Derzeit liegt die Unternehmenssteuer in den USA bei 35 % (wobei in der Realität mit Sicherheit andere Konditionen gelten. 15 bis 20 % dürften realistischer sein). Zu diesem Satz sind Konzerne wie Apple nicht bereit, ihr Geld zurückzuholen. Sollte Trump den Unternehmen tatsächlich günstige Optionen einräumen, könnten zig Milliarden Dollar in die USA fließen, so der Glaube. Corporate America könnte alleine durch die Rückholaktion in diesem Jahr mehr als 1 Bio USD (mehr als 1.000 MrdUSD) in Form von Dividenden oder Aktienrückkaufprogrammen an Aktionäre ausschütten. Das hat zumindest Howard Silverblatt, Senior Index Analyst von S&P Dow Jones Indices, ausgerechnet.

Seit 1977 arbeitet Silverblatt bei Standard & Poor’s. Im Mai feiert er sein 40-jähriges Jubiläum. In diesen 40 Jahren gab es für den S&P 500 einen durchschnittlichen Kursanstieg um 8,29 %.

Rückblick auf 2016
Das Jahr 2016 hatte alles andere als gut begonnen. In der ersten Jännerwoche knickte die Wall Street um knapp 6 % ein. Bis Mitte Februar waren die Kurse rund 10,5 % gefallen. Im Jahresverlauf wurden sämtliche politischen Erschütterungen wie der Brexit in New York ignoriert. Auf Jahressicht steht für den S&P ein Plus von 9,54 % (knapp 12 % inklusive Dividenden).

Ausblick
Für 2017 rechnen viele Analysten mit einer Fortsetzung des Aufwärtsstrends – wenn auch nicht unbedingt im gleichen Ausmaß wie im vergangenen Jahr. Die Experten von Goldman Sachs erwarten einen Anstieg um rund 5 %. Laut Goldman werde die Hoffnung die Kurse stützen. Doch im Jahresverlauf könne diese Hoffnung durch Angst und höhere Zinsschritte abgelöst werden. Dann könnte eine größere Korrektur einsetzen.

Zu den wenigen Skeptikern gehört auch Merril Lynch (die im Herbst 2008 von der Bank of America gerettet werden musste). Merrill warnt vor „Bad Trump“. Was passiert, wenn der neue Präsident seine Wahlversprechen doch nicht so leicht umsetzen wird. Und vor allem was passiert, wenn Trump einen protektionistischen Kurs fährt. Das könnte Unternehmen wie Boeing, die stark vom China-Geschäft abhängen, Schwierigkeiten bereiten. Die Handelsblockaden dürften zudem die Inflation in den USA deutlich antreiben. Die Notenbank müsste entsprechend mit stärkeren Zinserhöhungen antworten. Und sollte sich die Dollarstärke fortsetzen, würde das die Gewinne der multinationalen US-Unternehmen schwächen. Die neue Berichtssaison begann am 9. Jänner.

Der Bullenmarkt in New York geht ins neunte Jahr. Laut Sam Stovall, Analyst bei CFRA und wandelndes Börsenlexikon, dauert ein Bullenmarkt historisch betrachtet drei bis vier Jahre. Je älter die Bullen werden, desto instabiler sind sie auch. Es ist zu erwarten, dass die Volatilität zunehmen wird. Stovall hält ein Durchschnaufen von 5 bis 10 % für möglich. Eine Rezession erwartet er aber nicht. Entsprechend denkt der Analyst nicht an eine starke Korrektur oder gar einen Bärenmarkt. 

Autor: Jens Korte (redaktion@boersen-kurier.at)

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