Sanierer und bene-Übernehmer Erhard Grossnigg im Interview

bene-Übernahme, Squezze-outs, Börse, Anlegerspirit, Reformhebel und Warren Buffett. Bilanzanalytiker und „Restrukturierer“ Erhard Grossnigg im Talk.

Er ist als erfolgreicher Unternehmenssanierer, Investor und Aufsichtsrat (Ankerbrot, Binder+Co, Rail Holding, S&T, Semper Constantia Privatbank …) bekannt: Erhard Grossnigg. Als Übernehmer des angeschlagenen börsenotierten Büromöbelherstellers bene hat er sich in der Aktionärsschaft weniger Freunde gemacht. Wurde doch sein ursprüngliches Aktienübernahmeangebot als zu niedrig kritisiert. Der Disput ging bis zum zuständigen Gericht St. Pölten, wo ein Vergleich abgeschlossen wurde: Je bene-Aktie gab es eine Nachzahlung von 0,28 Euro: 27 % mehr als der ursprüngliche Abfindungspreis von 1,03 Euro.

Reizthema bene
Vor dem Forum Aufsichtsrat, zu dem Board Search, Binder Grösswang und ÖPWZ eingeladen hatten, sprach der Börsen-Kurier mit Grossnigg über bene und andere Kapitalmarkt-Reizworte. Ob er, Grossnigg, aus der bene-Übernahme etwas gelernt habe? Ja, dass die österreichische Gesetzeslage für ein sinnvolles Squeeze Out ungeeignet sei, so die spontane Antwort des Praktikers. Wenn nur ein Aktionär dagegen sei, stehe ein Prozess im Raum, auch wenn der Angebotpreis gerechtfertigt sei. Bei bene wären die Gutachter auf eine Aktienbewertung von unter einem Euro gekommen. Das Unternehmen habe hohe Verluste gemacht, es gab ein „hohes negatives Eigenkapital“, man habe gewusst, dass das Unternehmen de facto „wertlos“ gewesen sei. Wäre bene insolvent gegangen, „hätten die Aktionäre gar kein Geld gekriegt“. Anlegerenttäuschung hätten andere betrieben. So hätte sich ein Aktionär bei ihm über den Börseabgang beschwert, dem seine Bank empfohlen hatte, die bene-Aktie zu kaufen, da „ja der
Sanierer Grossnigg einsteige“. Er, Grossnigg, habe ihm gesagt, dass er immer einen Börserückzug kommuniziert habe. Auch deutsche Gesellschaften, die billigst Aktien gekauft hatten, hätten lizitiert und beim Angebot 1,20 bis 1,25 Euro ihren Einsatz verdreifacht.

Keine Rückkehr
Stolz ist Grossnigg darauf, dass bene schon in „seinem“ ersten Geschäftsjahr 2016 einen (kleinen) Gewinn gemacht habe. Aus diesem habe man an die Altaktionäre ausgeschüttet, was nachzuzahlen war. Was dem Restrukturierer abseits von Bilanzen besonders wichtig ist: Den betroffenen Menschen immer die ganze Wahrheit sagen. Das vertragen sie besser als „Salamitaktik“, Lügen und Unsicherheit. Denn: „Die Wahrheit tut nur einmal weh.“

Ob eine Aussicht oder Überlegung bestehe, dass bene wieder an die Börse zurückkehrt? Grossnigg verneint deutlich: „Eine – funktionierende – Börse ist dazu da, Unternehmen Eigenkapital zu beschaffen oder Anteile fungibel zu machen. Das brauchen wir nicht.“ Ob denn die Wiener Börse keine „funktionierende“ Börse sei? Diese funktioniere „bescheiden“, so der Manager und verweist auf seine frühere Beteiligung S&T („eine meiner erfolgreichsten Beteiligungen“). Die ist im Deutschen TecDAX gelistet, habe sich kursmäßig sehr gut entwickelt und habe dort eine um drei Punkte bessere KGV-Bewertung.

Wunschliste
Was sich Grossnigg für den Kapitalmarkt Österreich wünschen würde? Da zählt der
„Firmendoktor“ mehrere Ansatzhebel auf: Eine Regelung, nach der für ein Squeeze Out schon eine einfache bis qualifizierte Mehrheit reichen müsste. Finanzpolitisch sei mit der heimischen Steuerquote von 48 % und 300 Mrd Euro Staatsschulden „Umverteilung nicht mehr leistbar“. Aber keiner sei bereit, echte Reformen zu machen. Dabei müsste man „nur zwei Bereiche forcieren: Bildung und Wirtschaft“. Die Wirtschaft brauche gut gebildete Menschen. Und die Wirtschaft brauche man zum Erwirtschaften des Geldes für Soziales. Ein „Paradeproblem in Österreich“, das nicht nur den Finanzminister betreffe, sei, dass wir kein „Aktienkäufer“-Land seien. Da brauche es eine „Umerziehung“. Denn „verdienen“ könne man nicht (mehr) mit dem Sparbuch sondern mit Aktien und Fonds. Man müsse den „Spirit“ des Anlegerpublikums dahin verändern, dass man „neben Sparbuch und Eigentumswohnung auch in Aktien investieren kann“. Dass ein Warren Buffett mit 86 Jahren noch immer investmentaktiv sei, findet Grossnigg „toll“.

Autor: Mag. Manfred Kainz (redaktion@boersen-kurier.at)

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