Der richtige Aktienanlagezeitpunkt ist jetzt

Die Angst vor Kursverlusten ist bei einem Anlagezeitraum von zehn Jahren
und länger weit übertrieben, machen Finanzexperten Mut.

Wo würden Sie sich einordnen? In einer Umfrage im Auftrag des Fachverbands Finanzdienstleister und der Nürnberger Versicherung gaben 51 % der interviewten Österreicher an, dass sie in der langfristigen Geldanlage eine Mindestverzinsung von 4 bis 6 % erwarten. 16 % wollen wenigstens 1 bis 3 % Ertrag.

14 % setzen sich sogar ein Ziel von 7 % und mehr. Die Realität sieht aber anders aus. Laut einer Allianz-Studie ist Österreich Schlusslicht bei den auf das private Geldvermögen erzielten Renditen: Im Untersuchungszeitraum 2012 bis 2015 lag die lukrierte Realrendite in Österreich bei durchschnittlich 1 % p.a. Alle anderen Staaten erreichten ein Mehrfaches: Deutschland 2,3 %, Frankreich 3,6 %, Italien 4,6 %. Sieger: Finnland mit 6,9 % pro Jahr. „Weil dort mehr in Aktien angelegt wird“, so Hannes Dolzer, Obmann des Fachverbandes Finanzdienstleister. Die betont sicherheitsorientierte Veranlagung hierzulande schmälere die Erträge. Dem könne man mit Aktien entgegenwirken, illustriert Dolzer mit einem drastischen Beispiel: Wer Ende Juni 2007, also zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt (nämlich unmittelbar vor dem Höhepunkt einer spektakulären Kursrallye, die im Juli 2007 die Höchstkurve erreichte, und vor dem Ausbruch der Weltfinanzkrise) Aktienfonds gekauft hat, ist heute mit ziemlicher Sicherheit deutlich im Plus. Ein durchschnittlicher weltweit gestreuter Aktienmix hat in den vergangenen zehn Jahren insgesamt 51 % Gewinn erzielt.
Und obwohl in der größten Finanzkrise der vergangenen 80 Jahre der Weltaktienindex MSCI World bis März 2009 um 59 %, der österreichische ATX sogar um 72 % fiel, seien heute, so Dolzer, fast alle Anleger, die vor zehn Jahren Aktien gekauft haben, im Plus – die meisten sogar deutlich. Wer Ende Juni 2007 etwa den Betrag von 10.000 Euro in einen Weltaktienfonds investierte, konnte den Einsatz bis heute auf durchschnittlich 15.110 Euro (vor Steuern) vermehren. Das entspricht einer durchschnittlichen Jahresrendite von 4,2 %. Mit Schweizer Aktien wurden aus 10.000 Euro mehr als das Doppelte: 21.940 Euro, mit US-Aktien satte 20.870 Euro, mit Europa-Nebenwerten 16.910 Euro. Ähnlich bei Aktienfondsparplänen: Wer im Frühjahr 2007 begann, mit Monatsraten von 100 Euro in einen durchschnittlichen Weltaktienfonds anzusparen, hat zehn Jahre später die Gesamteinzahlung 12.000 auf 17.860 Euro vermehrt. Das entspricht einer mittleren Rendite von 7,7 % pro Jahr.

Dolzers Fazit: Die Angst vor Kursverlusten sei bei einem Anlagezeitraum von zehn Jahren und länger weit übertrieben. Außerdem: Fondssparpläne entwickeln sich am besten, wenn nach dem Start ein Kurseinbruch erfolgt, da man dann günstig nachkaufe. Sparer mit einem entsprechenden Anlagehorizont sollten, so der Experte, „jetzt“ beginnen, ihre Aktienquote aufzustocken, beispielsweise mittels Fondssparplänen.

Ergänzende Tipps von Herbert Samhaber, Obmann der Fachgruppe FDL OÖ: Den „inneren Schweinehund“ überwinden und verkaufen, wenn’s zu schmerzlich runtergeht. Daher unbedingt ein (zweistelliges) „Stop Loss“ setzen. Seine Faustregel: „Ab minus 10, 15, 20 % reagieren, aber abgestimmt auf den Markt.“ Denn „der richtige Einstiegszeitpunkt ist immer, aber der richtige Ausstiegszeitpunkt ist die Schwäche“ vieler Aktienanleger. Weiterer Tipp: Mit kleinen regelmäßigen Beträgen für den Cost-Average-Effect mehrere Fonds von verschiedenen Gesellschaften nehmen. Und Eric Samuiloff, Obmann der Fachgruppe FDL Wien, empfiehlt zur Berücksichtigung des individuellen Anlagehorizonts ein „Ablaufmanagement“ zu installieren: „Wann brauche ich wieviel Kapital wirklich?“.

Autor: Mag. Manfred Kainz (redaktion@boersen-kurier.at)

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