Wie geht es weiter?

Auf den ersten Blick schaut die Börsenwelt zumindest in Europa recht freundlich aus. 
Die Bewertungen sind niedriger als in den USA, und die Konjunktur läuft so gut wie 
schon lange nicht. Ein Gastkommentar.

Sogar in Spanien und in Frankreich haben zuletzt die Beschäftigtenzahlen deutlich zugenommen. Zu Deutschland meint das dortige Institut für Weltwirtschaft, die Wirtschaft sei derzeit „mit überhöhter Drehzahl unterwegs, und das bereits im höchsten Gang“. Österreich profitiert davon ordentlich, die Wachstumsprognosen wurden gerade schon wieder nach oben korrigiert. Auch politisch haben sich die Wogen beruhigt. Schließ-lich sind derzeit die Extremisten auf der Verliererstraße. Bei den italienischen Kommunalwahlen im Juni ist die Fünf- Sterne-Bewegung des Bepe Grillo nahezu untergegangen. In Frankreich ist Emmanuel Macron zum neuen Politstar geworden, Marie Le Pen, aber auch die traditionellen Parteien haben so schwer verloren, dass sie auf absehbare Zeit politisch nicht wirklich etwas bewegen können. In Deutschland wäre alles andere als ein klarer Sieg von Angela Merkel bei den Wahlen im September eine ziemliche Überraschung.

Nullzinspolitik der EZB wird bleiben
Geht es der Wirtschaft gut, dann kommt das in aller Regel auch den Aktienkursen zugute – und dies umso mehr, als die Befürchtungen vor einer Straffung der geldpolitischen Linie der EZB und damit einer Verringerung der derzeit reichlich vorhandenen Liquidität wohl übertrieben sind. Eine Äußerung Mario Draghis Ende Juni, die als Andeutung einer restriktiveren Linie interpretiert worden war, wurde indirekt, aber doch deutlich dementiert. Draghi hat auch kaum eine andere Wahl. Budgets und Verschuldungslage mehrerer europäischer Staaten sind so angespannt, dass sie eine Zinserhöhung kaum verkraften würden. Das ist kein erfreulicher, aber ein guter Grund, die Zinsen weiter niedrig zu halten. Die  niedrige Inflationsrate ist letztlich kein Problem, sondern eine ganz gut passende Ausrede. 

Achse Frankreich-Deutschland entscheidend
Man kann diesem erfreulichen Szenario aber auch ein ganz anderes gegenüber stellen.  Der Sieg von Macron und sein Bekenntnis zu Europa wurde mit Wohlgefallen aufgenommen. Etwas weniger Beachtung hat gefunden, dass er zugleich weitreichende Forderungen gestellt hat, insbesondere eine gemeinsame europäische Einlagensicherung, eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung und einen gemeinsamen Finanzminister. Das sind Forderungen, die in der Folge vor allem Deutschland sehr viel Geld kosten würden. Deutschland hat in Europa schon seit Helmut Kohl oft Scheckbuchdiplomatie betrieben, aber da geht es um ganz andere Dimensionen. Damit bleibt der fundamentale Gegensatz zwischen dem Konzept der Herstellung gleicher Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Länder einerseits und dem des Weiterwursteln mit Hilfe vermehrter deutscher Zahlungen andererseits weiter ungelöst. Vor den deutschen Wahlen wird niemand diese Differenzen hochspielen wollen. Aber danach werden weder Deutschland noch Frankreich diese Differenzen noch weiter unter den Tisch kehren können.

Griechenland ist eigenes Kapital
Auch in Griechenland werden gegensätzliche Konzepte nur durch Zwischenlösungen und mit viel rhetorischem Aufwand zugedeckt. Vordergründig hat man sich wieder einmal geeinigt. Aber die Regierung Alexis Tsipras hat den Gläubigern Zugeständnisse gemacht, die sie den Wählern gegenüber allen Ernstes mit der Behauptung verteidigt, auf diese Weise werde sie einen Schuldennachlass erreichen.

Das wird ihr die Bevölkerung nicht auf Dauer abnehmen. Und die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Internationalen Währungsfonds und den europäischen Gläubigern, was die Notwendigkeit eines Schuldennachlasses betrifft, sind nur wieder einmal unterdrückt, nicht aber gelöst worden.

Risikofaktoren
Man kann sich den Worst Case leider ganz gut vorstellen: Ein Aufbrechen dieser Gegensätze, verbunden mit allen politischen Konsequenzen, und zwar ausgerechnet dann, wenn die derzeitige Hochkonjunktur wieder einer schwächeren Wirtschaftsentwicklung Platz macht. Rechnen wir dazu die Möglichkeit einer – höflich formuliert – rücksichtsloseren Politik der USA gegenüber Europa. Und übersehen wir nicht das Risiko, das sich daraus ergibt, dass nunmehr gleich drei wesentliche Machtpositionen der Weltpolitik von schwer berechenbaren Persönlichkeiten besetzt sind. Nach dem Präsidenten der USA und dem nordkoreanischen Diktator ist nunmehr auch der neue offizielle Thronfolger des saudi-arabischen Königs in diese Kategorie einzuordnen.

Ruhigen Kopf bewahren
Wir haben somit zwei völlig unterschiedliche Szenarien vor uns. Ein recht optimistisches und ein ziemlich pessimistisches. Allerdings muss das die Anleger nicht allzu sehr verunsichern. Denn auf der Zeitachse sind die beiden Szenarien deutlich verschoben. Das erste Szenario charakterisiert die Gegenwart, das zweite dürfte sich wohl – sehen wir einmal von den eher reichlichen Krisenherden außerhalb Europas ab – erst allmählich, und frühestens ab dem Herbst herausbilden.

Natürlich hat jeder Investor seine eigenen Vorstellungen und seine eigene Strategie. Aber dieses vermutliche Nacheinander zweier doch sehr unterschiedlicher Szenarien legt es nahe, eine Strategie zu überlegen, die man wie folgt umschreiben kann: Jetzt vielleicht noch ein wenig tanzen, solange die Musik spielt, aber doch damit beginnen, das eigene Portfolio in Richtung einer defensiveren Haltung umzuschichten. Selten hat man dafür so wie jetzt gleichzeitig düstere Wolken am noch recht fernen Horizont und deshalb etwas zeitlichen Spielraum zum Agieren.

Autor: Manfred Drennig, Gesellschafter der Privatconsult Vermögensverwaltungsgesellschaft

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