Aktienselektion mit Yin und Yang

Das Aktienuniversum ist riesig. Wie kann man darin global und paneuropäisch sinnvoll selektieren? Da kommt die chinesische Philosophie ins Spiel.

Welche Eindrücke werden fünf Menschen haben, nachdem sie mit verbundenen Augen einen Elefanten betastet haben – aber jeder an einer anderen Stelle: einer den Rüssel, einer den Schwanz, einer die Beine, einer die Ohren, einer die Stoßzähne? Sie werden völlig unterschiedliche, nicht zusammenpassende Eindrücke berichten.

Mit dieser asiatischen Weisheit will John William Olsen illustrieren, dass man sogar bei dem an sich simplen Aktienanlageziel „Nachhaltige Wertschaffung“ leicht „das Gesamtbild“ verlieren kann. Olsen ist Manager des M&G Global Select Fund sowie des M&G Pan European Select Fund. Und geht, was praktische Aktienauswahl betrifft, mit seinen Bildern noch weiter. Das Titeluniversum ist „nicht Schwarz oder Weiß“, sondern es gehe um „das Yin, das Yang und den Investment-Balanceakt“. So wie die beiden Begriffe der chinesischen Philosophie für gegensätzliche aber dennoch aufeinander bezogene Kräfte bzw. Eigenschaften stehen, gehören für Olsen die Paare Gewinnorientierung und Zukunftsfähigkeit, Qualität und Wert, Pragmatismus und Disziplin, Objektivität und Überzeugung, sowie Fokus und Diversifikation zum Balanceakt der Aktienanlage. Der dänische Fondsmanager glaubt nicht, dass man mit Kurzfrist-Spekulationen langfristig Erträge generieren kann. Dementsprechend beträgt die durchschnittliche Haltedauer „seiner“ Aktientitel sechs Jahre. Denn es gehe heute um „longterm investing“ in einer „short-term world“. Das erfordere neben tiefem Primärresearch vor allem „disziplinierte Geduld“, um anlagestrategische „Verhaltensfallen“, in die jeder von uns gerne tappt, zu vermeiden. Dass Fokus und Diversifikation ein Yin-Yang-Paar sind, illustriert der erfahrene Fondsmanager mit einem weiteren Bild: Er wähle Aktiengesellschaften mit „Burggraben“ aus, die nachhaltige Geschäftsmodelle mit langfristigem Wettbewerbsvorteil vorweisen. Damit schrumpft das Anlageuniversum von rund 3.000 AGs auf rund 300 „Qualitätsunternehmen“, die auf seiner „Watch list“ stehen. Das sind Unternehmen, „die wir gern besitzen würden, wenn das Timing und der Preis passen“. Aus dem entsteht letztlich ein Portfolio von 30 bis 40 Aktientiteln. Das Yin-Yang-Paar Objektivität und Überzeugung heiße daher, ein „konzentriertes aber balanciertes“ Portfolio mit niedrigem Turnover und unterdurchschnittlicher Vola zu haben. In der „Buy zone“ schlägt er dann zu, wenn Kurzfristinvestoren eine klare Bewertungsgelegenheit geliefert haben. Das Yin-Yang-Paar Disziplin und Pragmatismus heiße, Unternehmen mit stabilem Wachstum und „Opportunities“ rund 50:50 zu mischen. Im Yin-Yang-Paar Returns und Nachhaltigkeit wendet Olsen als Selektionskriterien für Ecologic and Social Governance (ESG) nicht quantitative (Ausschluss)Verfahren an, sondern seine subjektive Einschätzung: „Vertraue ich dem Management, tut es die richtigen Dinge?“ Denn ökologische und soziale Nachhaltigkeit „treibt“ gewünschte Veränderungen in Geschäftsmodellen. Das heißt, dass die Managements von Portfoliounternehmen „auf derselben Linie“ sein müssen. Da helfe man beim Ziele setzen und Kommunizieren mit. Wenn man nicht übereinstimmt, könne es schon sein, dass man „gegen das Management stimmt“. Im Yin-Yang-Paar Qualität und Wert kauft Olsen dann Unternehmen billig, das heißt zu Abschlägen von ihrem inneren Wert, wenn er nur „kurzfristige Störungen“ sieht. Auf den „richtigen“ Einstiegszeitpunkt zu warten, brauche Geduld und die Aussicht, dass sich die Wettbewerbsvorteile langfristig durchsetzen. Aktuell hat er keinen Austrotitel in seinen Fonds, aber Verbund auf der Watchlist.

Mag. Manfred Kainz (redaktion@boersen-kurier.at)

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