BAWAG-Group ein Spätzünder?

Anleger sollten sich nicht von den etwas verhaltenen ersten Wochen nach dem Börsengang entmutigen lassen, denn die solide aufgestellte Bank zeigt Wachstum und Wachstumspotenziale.

Das IPO der einstigen Gewerkschaftsbank verlief im Oktober eher verhalten. Rund 40 % der Anteile gingen in den Streubesitz über, doch der Emissionspreis lag mit 48 Euro am unteren Ende der Bandbreite. Der Emissionserlös betrug 1,9 Mrd Euro. Bis 17.11. bröckelte der Aktienkurs auf 43,47 € (Marktkapitalisierung 4,35 Mrd Euro) ab. An den fundamentalen Fakten hat sich indessen nichts verändert: Von 2012 bis 2016 stiegen die operativen Kernerträge um 19 %, während die operativen Aufwendungen um 32 % reduziert werden konnten. Der Gewinn vor Steuern konnte von 2014 bis 2016 von 316,2 auf 470,4 Mio Euro gesteigert werden. Heute zählt die BAWAG Group in Bezug auf Profitabilitäts- und Effizienzkennzahlen zu den Top 5 % der europäischen Banken. Die Cost/Income-Ratio verbesserte sich in den ersten drei Quartalen 2017 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um weitere 140 Basispunkte auf 41,4 % und mittelfristig strebt das Management sogar einen Wert von unter 40 % an. Der Periodengewinn vor Steuern stieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 4,3 % auf 382,4 Mio Euro, zumal die operativen Kernerträge und der Nettozinsertrag um jeweils 6,6 bzw. 7,5 % gesteigert werden konnten. Für das Jahr erwartet das Management ein Ergebnis vor Steuern von mehr als 500 Mio Euro (Vorjahr: 470,4 Mio Euro).

Expansion und Restrukturierung
Filialmitarbeiter konzentrieren sich zunehmend auf Beratung und Vertrieb, während das Institut die Verlagerung von Schaltertransaktionen auf die digitale Schiene und Selbstbedienungsplattformen forciert. Die Effizienz im Filialnetz wird durch die Beratungs-Konzentration auf Standorte mit hoher Kundenfrequenz erhöht. Besonders erfreulich war die Entwicklung des Neugeschäftsvolumens bei Wohnbaufinanzierungen, das um 23 % auf 510 Mio Euro anstieg. Die Übernahme der start:bausparkasse im 4. Quartal 2016 hat die Position der BAWAG Group in diesem Markt gestärkt. Infolge dieser Akquisition und der Übernahme der IMMO-BANK stieg das Gesamtvolumen der Kredite und Forderungen an Kunden um 15,1 % auf 27,5 Mrd Euro. Das gesamte Neukreditgeschäft betrug dabei in den ersten drei Quartalen 3,6 Mrd Euro. Im Oktober hat das Institut die Übernahme von PayLife abgeschlossen, wodurch 0,5 Mio zusätzliche Kunden hinzukommen.  Das macht die BAWAG Group zu einem der führenden Herausgeber von Kreditkarten in Österreich. Hinzu kommt die Übernahme der Südwestbank, einer deutschen Regionalbank mit mehr als 7 Mrd Euro Bilanzsumme und rund 100.000 Privat- und Unternehmenskunden. Weitere Akquisitionen sind geplant. Seit dem 9. November ist auch die Beendigung des Kooperationsvertrages mit der Österreichischen Post (gemeinsame Filialen) bis 31.12.2020 amtlich. In etwa 100 Filialen will die BAWAG selber betreiben.

Fundamentaldaten stimmen
Die Entwicklung des Instituts geht in die richtige Richtung und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis dies auch der Börsenkurs honoriert. Fakt ist, dass per 30.9.2017 91 % des Kreditvolumens auf Westeuropa fällt, woraus ein konservatives Risikoprofil resultiert: Die NPL-Ratio (non performing loans in Prozent des Kreditvolumens) liegt lediglich bei 2 %, während sich die CET-1-Ratio (bei Vollanwendung der CRR) seit Dezember 2016 von 13,6 auf 16,2 % verbesserte. Das Management strebt in den kommenden Jahren eine durchschnittliche jährliche Steigerung des Ergebnisses vor Steuern von 5 % an. Darüber hinaus soll die Hälfte des Nettogewinnes als Dividende ausgeschüttet werden. Gleichzeitig soll bis 2020 ein Überschusskapital von mehr als 1 Mrd Euro (über einer CET1-Ratio von 12 %) aufgebaut werden, das für Investitionen in organisches Wachstum sowie zur Umsetzung ergebnissteigernder Akquisitionen zur Verfügung steht. Fazit: Während die solide Kapitalausstattung und die niedrigen Kreditausfälle für Kursstabilität sprechen, sind Akquisitionen und Synergien zukünftige Treiber des Aktienkurses.

Autor: Michael Kordovsky  (redaktion@boersen-kurier.at

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