„Nachzügler“ der Wiener Börse

Binnen kürzester Zeit hat der ATX das einst „magische“ Kursziel von 3.600 Punkten erreicht. Nun sollten Anleger vermehrt nach fundamental attraktiven „Nachzüglern“ Ausschau halten.


Die Analysten der Erste Group beziffern das erwartete Gewinnwachstum 2018 im ATX mit 15,7 %, womit der ATX fundamental abgesichert wäre. Allerdings ist bereits viel Positives eingepreist. Nun sollte ein Blick auf jene Werte geworfen werden, die in der Hitze des Gefechtes übersehen wurden, aber als Nachzügler über Aufholpotenzial verfügen. Für Friedrich Mostböck, Head of Group Research der Erste Group, fallen Agrana, Lenzing und Strabag in die Kategorie „Value-Aktien“, während er als Dividendentitel die Österreichische Post und UNIQA hervorhob.

Agrana und Lenzing mit Überraschungspotenzial

Mostböck sieht in Agrana einen globalen Nischenplayer: „Das Unternehmen ist zudem gut diversifiziert und relativ resistent gegenüber konjunkturellen Schwankungen.“  Agrana ist führender Anbieter von Zucker und Isoglukose in Zentral-, Ost- und Südosteuropa, ein bedeutender Hersteller von Stärkeprodukten und Bioethanol in Europa und im Segment Frucht Weltmarktführer bei Fruchtzubereitungen und bedeutendster Produzent von Fruchtsaftkonzentraten in Europa. Bei 2,2 % Umsatz-steigerung in den ersten neun Monaten 2017/18 konnte infolge positiver Entwicklungen im Ethanolgeschäft und höherer Verkaufspreise im Zuckersegment (aber nur erstes Halbjahr) das EBIT
um 24,6 % gesteigert werden. Trotz Liberalisierung des Zuckermarktes seit 1. Oktober 2017 bestätigt das Management den Finanzausblick 17/18 mit einem erwarteten EBIT-Plus von mindestens 10 %. Interessante Projekte: 2. Fruchtzubereitungswerk in China und Kauf des serbischen Zuckerproduzenten Sunoko. Auf Basis eines Kurses von 102,2 Euro wäre die Aktie mit einem geschätzten Forward-KGV 2018 von 11,7 ein solides Investment.

Lenzing ist nach jüngsten Rückschlägen günstig. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben weltweit der einzige Hersteller, der nennenswerte Mengen aller 3 Generationen von Cellulosefasern von klassischer Viscose, über Modal bis zur Lyocell-Faser TENCEL® produziert. Der Entwicklung, dass neue Viskoseproduktionskapazitäten 2018 die Preise unter Druck setzen könnten, entgegnet Lenzing durch Forcierung der Produktion von Spezialfasern, deren Umsatzanteil das Management bis 2020 auf 50 % steigern möchte. Fakt ist, dass in den ersten neun Monaten 2017 bei  9,4 % Umsatzanstieg das Ergebnis je Aktie um 36 % auf 8,12 USD gesteigert werden konnte. Laut „Equity Weekly“ vom 12.1., einer Publikation von Erste Group Research, weist Lenzing bei einem Kurs von 107,5 Euro erwartete Forward-KGVs 2018 und 2019 von je 10,6 bzw. 10,1 auf – Kursziel: 155 Euro!

Der Baukonzern STRABAG sollte von den in den kommenden Jahren in verschiedenen europäischen Ländern anstehenden Bauvorhaben profitieren. Bereits in den ersten neun Monaten stieg der Auftragsbestand um 7 % auf ein hohes Niveau von 16 Mrd Euro. Ausschlaggebend waren zahlreiche neue Großaufträge der öffentlichen Hand und der Industrie in den wichtigsten Märkten Deutschland, Österreich, Polen, Ungarn und Slowakei.

Die Bauleistung stieg in den ersten drei Quartalen 2017 um 9 % auf 10,4 Mrd Euro und für das Gesamtjahr rechnet der Vorstand mit einem Anstieg um 7 % auf 14,5 Mrd Euro. Diese Entwicklung
sollte auch eine EBIT-Marge von mindestens 3 % ermöglichen. Bei einem Kurs von 35 Euro wäre STRABAG mit Forward-KGVs 2018 und 2019 von jeweils 12,4 bzw. 10,9 günstig bewertet.

Dividendentitel

Trotz jüngster Anstiege noch immer über Potenzial verfügt UNIQA, deren Ergebnis vor Steuern in den ersten neun Monaten 2017 um 21,8 % gesteigert werden konnte. Auf Basis eines Kurses von 9,67 Euro liegt die Dividendenrendite bei 5,07 %. Die progressive Dividendenpolitik soll fortgesetzt werden. Ebenfalls interessant ist die Österreichische Post, die zumindest 75 % des Nettoergebnisses als Dividende ausschüttet und bei einem Kurs von 39,10 Euro eine Dividendenrendite von 5,12 % aufweist. Ein stabiler Cash Flow und solide Gewinne sollten auch zukünftig hohe Dividenden ermöglichen.

Wer hingegen jenseits der ATX-20 etwas spekulativer agieren möchte, sollte einen Blick auf Wolford werfen: Ein neuer Großaktionär kann jederzeit erscheinen und auch von der Marketing-Seite (Colorado-Body und Online-Kampagne) könnten Impulse kommen.

Autor: Michael Kordovsky  (redaktion@boersen-kurier.at)

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