Zu viele Immo-Werte in den Indizes

Aktienindizes sollten einen Querschnitt diverser Branchen im Wertpapierhandel abbilden. Die zunehmende Titelgewichtung aus der Immobiliensparte lässt uns einem Irrtum aufsitzen.

Der herrschende Anlagetrend hat mit einer nachhinkenden Verzögerung Auswirkungen auf die Zusammensetzung der führenden Aktienindizes – keine neue Erkenntnis. Die stete „Auffüllung“ in den jeweiligen Spitzenligen der Dividendentitel mit den bis zuletzt prosperierenden Immobilienwerten
mahnt aber zur Vorsicht. Denn der richtige Blick zur Einschätzung einer möglichen Entwicklung des Punktestandes eines Index wird damit herausfordernder. Die künftige Volatilität bei den betreffenden und nun gewichtigen Wertpapieren mit hohem Umsatzvolumen im jeweiligen Markt könnte unterschätzt werden. Ausschlaggebend für eine kritische Betrachtung ist die Erkenntnis, dass kaum eine Branche derart zinssensitiv auf tatsächliche Veränderungen im Umfeld der Fremdkapitalkonditionen reagiert wie die Wohnungs-, Häuser- und Grundstücksbranche.

Eine länger anhaltende Abgabewelle im Zuge geänderter Rahmenbedingungen (monetäre Straffungen in der Zinslandschaft) birgt das Potenzial, die Umkehrfunktion der Aufnahmeprozesse des führenden heimischen Index ATX und des gewichtigen deutschen MDAX auszulösen. Fällt die Kapitalisierung diverser Immo-Titel und werden weitere Notiz-Kriterien nicht mehr erfüllt, erfolgt die Zuordnung in einen nachrangigeren Index binnen Monaten, die Spirale mit weiteren Abgabewellen (beginnend bei Anlagefonds) beginnt sich zu drehen …

Dieser Umstand ist somit für all jene Finanzprodukte von Relevanz, die auf dem breiten Index des heimischen ATX und des deutschen MDAX basieren. Somit haben nicht nur Anleger, die direkt auf Immobilienwerte setzen, die Geschehnisse in diesem Sektor mit Aufmerksamkeit zu verfolgen. Ebenso sind unterdessen verstärkt auch Investoren, die über ETF-Modelle, Fonds oder gar auf diese Sammelindizes gestützte Derivate spekulieren, mit der dominanten Übergewichtigkeit der Immo- Aktiengesellschaften in der Indexzusammensetzung konfrontiert. Die Marktkapitalisierung und die Handelsumsätze der einzelnen Titel spielen dabei je nach Börsenkriterium eine Rolle.

Fragwürdige „Anreicherung“

Mit der BUWOG, der Immofinanz, der CA Immobilien und der S Immo AG macht die Anzahl der Titel im österreichischen ATX-Index derzeit 20 % aus.

Unter Einbeziehung der Deutschen Pfandbriefbank (die vorrangig in die Finanzierung von Immobilien eingebunden ist), notieren im zweitbedeutendsten deutschen Aktienindex MDAX unterdessen sechs Unternehmen aus dem Immobiliensegment. Der Index ist als Benchmark deshalb sehr beliebt, da er in der Vergangenheit vorrangig von industriellen, exportstarken Gesellschaften geprägt war und dadurch eine große Trading-„Beweglichkeit“ aufwies. Diese Eigenschaft wurde zuletzt dem Anlagetrend untergeordnet und ausgedünnt. Mit der MDAX-Mitgliedschaft der Aktien der Alstria office, der Deutsche Wohnen, der Grand City Properties, der LEG- und TAG Immobilien hat sich die Zusammensetzung des MDAX Schritt für Schritt verändert. Das Schicksal der Betongold-Entwicklung bestimmt mittlerweile mit 7,2 % den Verlauf des MDAX. Aufmerksamkeit verdient dieser anhaltende Immo-„Besetzungs“-Werdegang zudem aus der Beobachtung der fortgeschrittenen Entwicklung der Wertentwicklung und der Geldzuflüsse zum breit investierenden, kanadischen Gewerbe- und Einzelhandels-Immobilienfonds Canadian Real Estate Investment Trust. Seit dem Jahr 2014 wurde kein neuer Höchststand mehr generiert und die Liquiditätszuflüsse stagnieren be­reits.                    

Autor: Roman Steinbauer  (redaktion@boersen-kurier.at)

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