Die Banken und Versicherungen werden „durchgerüttelt“

Wir haben einen „Cocktail aus überhitzten Finanzmärkten und populistischen Politikern, die den Status quo erhalten wollen“.

So kritisch ist die Lageeinschätzung von Gerald Hörhan, bekannt als „Investmentpunk“, der sich gerne gegen  Traditionen und Konventionen widersetzt. Der Harvard-Absolvent, Investor und Gründer der „Investmentpunk Academy“ stand beim „Dialog Finanzmärkte 4.0“ in der ARS Akademie für Recht, Steuern und Wirtschaft Rede und Antwort. Ausgangsfrage war: „Fintech Startups, Blockchain Technologie und Künstliche Intelligenz: Sind klassische Banker und Finanzdienstleister bald Geschichte?“
Der Börsen-Kurier war bei der Diskussion dabei.

Strukturwandel

Hörhan hat mit der analogen Finanzwirtschaft wenig am Hut: Die Märkte für Aktien, Anleihen und Immobilien seien „aufgeblasen“, weil Geld „nichts kostet“ und unser Geldsystem „inflationiert“ ist. Er setzt voll auf die digitale Ökonomie in der Finanzwelt: „Die heutigen Kinder haben mehr Social-Media-Kontakte als ihre Väter in den Banken und Versicherungen.“ Diese seien heute in einem massiven „Strukturwandel“, aber würden nicht einmal prüfen, was sich auf Instagram und
Snapchat tut. Dabei könne man in der digitalen Ökonomie zwanzigmal mehr Umsatz machen, ohne dafür zwanzigmal mehr Kosten zu haben. Der verdopple sich durch die Automatisierung nur, sodass der Cashflow exponentiell steige. Dadurch sei ein zweihundertfacher Unternehmenswert möglich.

Winner takes all

Der „Investmentpunk“ warnt auch vor der neuen Marktaufteilung: „In der digitalen Wirtschaft gilt das ,Olympia-Prinzip’: The Winner takes it all“: In der digitalen Welt teilen sich bestenfalls drei Gewinner die Marktanteile, denn fast alle Kunden wollen ja „auf der größten Plattform“ sein. Facebook, Amazon und Co seien die Monopole und Multi-Oligopole der digitalen Ökonomie. Das Prinzip werde auch Vermögens- & Finanzberater und Makler massiv betreffen, „denn „The winner takes it all“ macht vor niemandem halt“.

Umbruch

Aber Hörhan gibt auch Perspektive: Die Finanzbranche sei zwar sehr bürokratisch und mit alten IT-Systemen unterwegs. Gerade deshalb sei „das Banken- und Versicherungsgeschäft eine der lohnendsten Branchen zur Digitalisierung“. Denn die Branche sei wegen ihrer Auflagen und Überbürokratisierung „hervorragend geeignet“, dass Computer die Routinen und bürokratischen Prozesse übernehmen und die Compliance-Anforderungen besser erfüllen. So würden die Banken und Versicherungen „am heftigsten durchgerüttelt“ werden. „In zehn Jahren werden 50 bis 80 % der derzeitigen Banken und Versicherungen nicht mehr existieren.“ Begründung des Investmentpunk: Die Finanzhäuser hätten ja schon heute – in einer Nullzinswelt – mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen, obwohl die Konjunktur boomt. Was passiert erst, wenn es nicht mehr boomt …? Statt „Molochen“ mit langen, bürokratischen, undurchschaubaren Entscheidungs- und Abwicklungsprozessen werden sich „kleine flexible Player“ durchsetzen. So werde man bald über Crowdfunding besicherte Kredite bekommen – und zwar schneller als über Banken.

Warnungen und alte Werte

Bei den volatilen Kyptowährungen empfiehlt der Investmentpunk traditionell Streuung und warnt vor Hacking, Kursmanipulation, Frontrunning, Insiderhandel, „Trittbrettfahrern“, gierigen selbsternannten „Kryptoberatern“ – und vor allem: „Nicht auf Pump kaufen.“ Außerdem würden auch in der digitalen Welt simple Regeln der Wirtschaft gelten, und das sogar exponentiell. Etwa: Nicht mehr ausgeben als man einnimmt. Die „Mixtur aus schwäbischer Hausfrau und Schweizer Bankdirektor“ sei auch in der digitalen Ökonomie gefragt.

Zweitens, Unternehmen, die sich nicht laufend verbessern, die Mitabeiter-Kreativität nicht fördern, die Innovationsprozesse nicht pushen, werden ihre Geschäftsgrundlage verlieren. Drittens: „Harte Arbeit und Disziplin, um die Welt positiv zu verändern“, das werde künftig „mit Gold oder Bitcoin aufgewogen“.

Hörhans Fazit: Derzeit werde viel zu wenig in Schulen und digitale Bildung investiert, dafür „zu viel in Waffen“. Dabei bräuchten wir „enorme Ressoucen für die digitale Transformation“ „Digitale Ethiker und Data Scientists“ mit viel Verantwortung seien in der automatisierten (Finanz-)Welt massiv gefragt.

Autor: Manfred Kainz  (redaktion@boersen-kurier.at)

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