Einzelne Glanzlichter, viele Fragezeichen

Italien – hohe Staatsverschuldung, mangelnde wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit – dem Land droht nach den Parlamentswahlen am 4. März einmal mehr Stillstand. Der Aktienmarkt zeigt sich davon unbeeindruckt und bietet weiterhin ausgesuchte Renditeperlen.

Italiens Schuldenuhr läuft und läuft. Auf 2,3 Bio€ und damit 132 % des BIP belaufen sich die Verbindlichkeiten der drittgrößten Volkswirtschaft in der Eurozone. Um die Reisenden im aktuellen Wahlkampf mit den Fakten zu konfrontieren, hat der Thinktank Bruno Leoni auf den Hauptbahnhöfen von Mailand und Rom den laufenden Schuldenstand auf einer digitalen Tafel installiert – zusammen mit dem Slogan „Jedes Versprechen bedeutet neue Schulden.“

Im Wahlkampf kommt diese Botschaft nicht an. Nahezu alle Parteien versprechen das Blaue vom Himmel: höhere Mindestlöhne, mehr Mindestrente und gleichzeitig weniger Steuern. Silvio Berlusconi, vorbestrafter Ex-Premier und Galionsfigur des in den Meinungsumfragen führenden Mitte-Rechts-Bündnisses, will zugleich den Schuldenstand in den kommenden fünf Jahren um 30 % senken, die Protestbewegung „Fünf Sterne“ in zehn Jahren sogar auf rund 90 % des BIPs. Mit welchen konkreten Maßnahmen dieser Schnitt trotz steigender Ausgaben gelingen soll, darüber schweigen sich die Wahlprogramme aus.

Dabei hat Italiens Wirtschaft strukturelle Reformen dringend nötig. Zwar sorgte die global anziehende Konjunktur 2017 für ein Wirtschaftswachstum von 1,6 %. Das Produktionsniveau in der Industrie ist weiterhin auf dem Niveau vor zwei Jahrzehnten und bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 33 % verlassen Hochschulabsolventen und junge qualifizierte Fachkräfte das Land. „Italien ist das einzige Land der Eurozone, dessen Wohlstandsniveau seit Einführung der Gemeinschaftswährung gesunken ist“, sagt Timo Schwietering, Leiter der Kapitalmarktanalyse beim Bankhaus Metzler.

Vor diesem Hintergrund zeichnet sich für die Parlamentswahlen am 4. März noch keine Mehrheit für eine der drei politischen Blöcke ab. Die Finanzmärkte erwarten mehrheitlich zwei Szenarios. Bei einer Patt-Situation mit Neuwahlen würde die bisherige Mitte-Links-Regierung unter dem amtierenden Ministerpräsidenten Paolo Gentiloni die Regierungsgeschäfte weiterführen – möglicherweise unter dem Einschluss von parteiunabhängigen Technokraten. Die andere Variante ist eine große Koalition zwischen gemäßigten Kräften aus dem Berlusconi-Lager und dem Mitte-Links-Block. Ein Wahlsieg der eurokritischen Protestbewegung „Fünf Sterne“ oder eine Regierungsbeteiligung der rechtsradikalen Lega Nord würde dagegen größere Turbulenzen an den europäischen Finanzmärkten auslösen.

Dabei haben italienische Aktien in den vergangenen zwölf Monaten besser abgeschnitten als die meisten ihrer europäischen Pendants. Auslöser waren die wieder anziehenden Unternehmensgewinne. Nach den starken Kursanstiegen ist der Bewertungsabschlag italienischer Titel dahingeschmolzen. „Basierend auf den Gewinnschätzungen für 2018 und 2019 hat der italienische Aktienmarkt ein vergleichbares KGV-Niveau wie der STOXX Europe 600. Die durchschnittlichen Kursgewinne von 17 % sind unter anderem auf die gute Performance von Finanzwerten und Industriegütern zurückzuführen, die von der soliden globalen Konjunktur profitieren“, meint Christian Stocker, Aktienstratege der UniCredit. Unter den Blue Chips, so Stocker weiter, sollen die Aktien der Banken und Industriekonzerne auch in diesem Jahr die größten Kurstreiber innerhalb des FTSE All Share Index bleiben.

Ausgewählte Unternehmen, die über eine starke Marktstellung und solide Bilanzen verfügen, werden unabhängig vom Wahlausgang weiterhin ein solides Gewinnwachstum hinlegen. Aus Anlegersicht interessant sind Europas größter Versorger Enel (ISIN: IT0003128367), der Nobelkarossenhersteller Ferrari (NL0011585146) sowie Prysmian (IT0004176001), die weltweite Nummer Eins unter den Herstellern von Strom- Glasfaser- und Unterseekabeln. Alle drei Firmen sollten im laufenden Geschäftsjahr ihr Gewinnwachstum beschleunigen.

Wer seine Investments breiter streuen will, fährt am besten mit zwei aktiv gemanagten Fonds. Der „Schroder Invest IST Italian Equity“ (LU0067016716) kommt auf Fünfjahresbasis auf eine Rendite von im Schnitt 12,2 % und investiert mindestens ein Fünftel in mittelständische Firmen. Aktuell hat der Fonds Finanzaktien mit 40 % am höchsten gewichtet. Auch im Portfolio des „Fidelity Italy A“ (LU0048584766) ist der Finanzsektor am höchsten gewichtet, gefolgt von Konsumtiteln und Energiekonzernen.

Autor: Stefan Riedel, München (redaktion@boersen-kurier.at)

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