„Beziehungen in den Osten stärken“

Die Lage für Unternehmer ist generell gut, die Auftragsbücher sind voll. Trotzdem gab es
einige Gründe für Abwanderungen. Dieser will die Wirtschaftskammer entgegenwirken und verlangt Reformen von der Wiener Stadtregierung.

„Wien ist eine blühende Wirtschaftsmetropole mit hoher Lebensqualität“, so Stefan Ehrlich-Adám in einer Pressekonferenz vergangene Woche in der Wirtschaftskammer Wien. Das internationale Be-ratungsunternehmen Mercer bestätigte auch 2018 wieder die hohe Lebensqualität der österreichischen Bundeshauptstadt. Der Slogan „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“, war richtig platziert. Der Leitgedanke war Kern einer Kampagne der Wirtschaftskammer mit der veranschaulicht werden sollte, dass Österreicher von mehr Investitionen in die Zukunft und von mehr Unternehmertum profitieren können.

Der Wirtschaftsstandort Wien ist auch im Jahr 2018 positiv zu bewerten: „Die Wirtschaft brummt, das Konjunkturhoch der Wiener Industrie hält weiter an. Besonders deutlich zeigt sich die gute Wirtschaftslage bei den Investitionen“, so Ehrlich-Adám, Spartenobmann Industrie der WK Wien. „Allein im Zeitraum 2016 bis 2018 wurde eine Milliarde Euro in den Industriebetrieben investiert.“ Ein Großteil dieser Summe kam der Umwelttechnik, der Energieeffizienz und der Maschinenmodernisierung zugute. Das Konjunkturhoch der Wiener Industrie hält zwar weiter an, betonte Ehrlich-Adám, aber dieser positiven Entwicklung stehen Abwanderungen gegenüber. 17 % der Wiener Betriebe haben angegeben, dass in den vergangenen Jahren Betriebsteile von Wien an einen anderen Standort verlagert worden sind. Weitere 10 % können sich vorstellen, in den nächsten Jahren ihren Standort zu verlagern, ging es aus der Standortbefragung hervor, die alle zwei Jahre unter den Wiener Industriebetrieben durchgeführt wird.

Als besonders bitter empfindet es Ehrlich-Adám, dass 70 % angeben, vor allem Produktionsbereiche verlagern zu wollen. In der Folge hieße das, dass viele Arbeitskräfte Wien verlassen und auch die Zugkraft für indirekte Arbeitsplätze ginge damit verloren. Als Hauptgründe für eine weitere Abwanderung führt der Wiener Spartenobmann die Kosten, den Mangel an Flächen für Erweiterung und Anrainerprobleme an.

Allerdings rücken die Standortverlagerungen nicht in weite Ferne, sondern in den meisten Fällen „nur“ nach Niederösterreich. Der Großteil, knapp 60 %, will in Wien bleiben. Und: „Es kommen zwar internationale Firmen nach Wien, allerdings keine industrielle Produktion“, bedauert Ehrlich-Adám.

Ostmärkte-Vorteile schwinden

Die Nähe zu den Ostmärkten wurde 2010 noch von 68 % der Befragten als Vorteil gesehen, heuer waren es nur mehr 28 %. Auch das ging aus der Umfrage hervor. Und auch die Hauptstadtfunktion Wiens wurde nur mit 37 % bewertet, 2010 waren es noch 67 %. Ein Grund sei die geopolitische Situation. Diese hat sich durch die Lage in Ländern wie Russland, Ukraine und der Türkei geändert. „Aber das darf nicht als Ausrede gelten. Gerade jetzt muss man die historisch bedingten Verbindungen mit den Ostmärkten noch mehr ausbauen und pflegen.“ Deshalb fordert die Wiener Industrie eine Bildungsreform, um dem Fachkräftemangel entgegen wirken zu können; weiters den Ausbau der Infrastruktur: „Die Anbindungen an andere Länder müssen vermehrt werden!“ Umgesetzt werden sollen die Anbindung an die Breitspurbahn und Flughafenverbindungen. Außerdem müssen die Beziehungen in den Osten unbedingt wieder gestärkt werden. „Die künftige Stadtregierung muss sich noch mehr auf die Ostmärkte konzentrieren und die Beziehungen stärken, von denen Wien seit den 90er Jahren profitierte“, verlangen Spartenobmann und Spartengeschäftsführer Alexander Schrötter.

Generell jedoch sei erwähnt, dass die Lage für Unternehmer gut ist. Die Auftragsbücher sind voll. „Jetzt muss man daran arbeiten, dass der Wirtschaftsstandort auf seinem Hoch bleibt und nicht an Boden verliert!“ Der Appell richtet sich an die kommende Wiener Stadtregierung. Die Sparte Industrie betreut derzeit rund 700 Mitgliedsunternehmen. Große Player sind die Technologie, Forschungs- und Pharmaindustrie.

Autor: Lea Schweinegger  (redaktion@boersen-kurier.at)

 

 

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