Lehman-Krise: Das übergangene Jahrzehnt

Viele Anleger haben sich von der Lehman-Krise abschrecken lassen. Damit hat man aber Renditechancen vertan, erklären Experten. Sie mahnen dennoch zu Disziplin an der Börse.

Manchmal sagt ein Bild tatsächlich mehr als tausend Worte. Etwa jenes von Manfred Bockelmann mit dem Titel „Das letzte Hemd“. Der Maler und Bruder des verstorbenen Sängers Udo Jürgens hatte ein Kursblatt der FAZ übermalt. Und den Tag gut gewählt. Denn es war das Blatt vom 13. März 2009. In jenem Monat erreichte die Finanzkrise, die am 15. September aufgrund der Lehman-Pleite ihren Lauf nahm, den absoluten Tiefpunkt.

Für Capital-Bank-Vorstand Constantin Veyder-Malberg bot das jüngste Finanzjournalistenforum zum Thema „Zehn Jahre nach Lehman: Die erstaunlichen Gewinne der Anleger“ einen willkommenen Anlass das Bild Eingangs zu präsentieren. „Tatsächlich dachten damals viele Anleger so“, blickt Veyder-Malberg zurück, und meint, dass die Aufregung aber umsonst gewesen sei.

Kräftige Erholung
Denn der Großteil der Investments hat sich seither erholt. Dazu verweist Veranstalter Martin Kwauka auf handfeste Beispiele. Am besten schnitten freilich besonders risikofreudige Investments ab, wozu allerdings die wenigsten Anleger bereit waren. Wer beispielsweise Anfang September 2008 mit 10.000 Euro in einen Welt-Aktienfonds investiert war, hätte inzwischen einen Depotstand von 22.960 Euro. Das macht eine jährliche Rendite von 8,66 %.

Selbst mit einem defensiv ausgerichteten Mischfonds, der zu einem Großteil in Anleihen investiert, hätte man sein Kapital auf 12.750 Euro vermehrt. Allerdings verweist Kwauka auch auf die relativ hohen Kosten, die viele Mischfonds verrechnen. „Sie nagen ordentlich an der Rendite.“

Verschoben statt aufgehoben
Womit sich die Frage vieler Anleger aufdrängt, ob es diesmal anders ist. Das findet Dave Lafferty, der Chefstratege von Natixis Investment Managers, eher nicht: „Die Dinge haben sich seit den Tagen von Lehman kaum verändert. Die Verschuldung der Unternehmen und der Staaten ist seit der Krise gestiegen, gestützt ausschließlich durch künstlich niedrige Zinssätze.“ Banken hätten zwar mehr Eigenkapital, aber ein Großteil der Hebel-wirkung ist auf die Rentenmärkte übergegangen. „Der Lehman-Kollaps brachte viele positive Veränderungen mit sich, aber am Ende erscheint das globale Finanzsystem heute nicht weniger zerbrechlich als vor einem Jahrzehnt“, lautet das nüchterne Fazit des Fachmanns.

Bleibt noch die Frage, was zu tun ist. „Eine Kristallkugel haben wir freilich alle nicht“, betont Veyder-Malberg. Auch seien Rückschläge auf den globalen Börsen nicht mehr auszuschließen. Schließlich dauere die Rallye nun schon sehr lange an. „Wer aber heute Aktien kauft und sie auf viele Jahre hält, hat eine große Chance auf eine positive Wertentwicklung“, betont der Bank-Experte. Denn das richtige Timing könne praktisch niemand ernsthaft „erraten“. Viel wichtiger sei es, während der Veranlagungsdauer laufend sicherzustellen, dass die ursprünglich gewählte Risikobereitschaft stets eingehalten wird.

Auf das Rebalancing achten
Steigen beispielsweise die Aktienmärkte besonders stark an, nimmt damit automatisch auch deren Gewichtung im Portfolio zu. „Da muss man eben die Position reduzieren, bis die ursprüngliche Balance wiederhergestellt ist“, mahnt Veyder-Malberg sich nicht verleiten zu lassen. Denn sonst könnte am Ende Tages wieder eine böse Überraschung drohen.

Autorin: Mag. Raja Korinek (redaktion@boersen-kurier.at)

 

 

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