Nischenplayer sind eine Überlegung wert

Europäische Aktien hinken US-Papieren seit Längerem hinterher. Auch wenn sich daran kurzfristig nichts ändern sollte, sehen sie durchaus Chancen bei Titeln vom alten Kontinent.

Europäische Aktien haben Anlegern heuer bislang keine große Freude gebracht. Während etwa der S&P seit Jahresbeginn um rund 9 % zugelegt hat - und erst Ende September ein neues Allzeithoch erreicht hat -, hat der Euro Stoxx 50 ein Minus von 2,85 % vorzuweisen. Dass sich die Emerging Markets noch schlech-ter entwickelt haben, wird für die meisten nur ein schwacher Trost sein. Im Vordergrund steht vielmehr die Frage: Wieso treten europäische Aktien auf der Stelle, während die US-Börsen von Rekord zu Rekord stürmen?

Lange Underperformance
Streng genommen haben europäische Aktien auch in den letzten 20 Jahren enttäuscht. Wie Harald Egger, Chef-Analyst bei Erste Asset Management (EAM), erklärt, bewegt sich der MSCI Europe seit 1988 in einer Bandbreite zwischen 600 und 1.400 Punkten. Dem MSCI USA sei der Ausbruch aus dieser Handelsspanne - vor allem von Unternehmensgewinnen getrieben - bereits 2012 gelungen. Europa habe dagegen 2011 die Eurokrise meistern müssen, die in der Gewinnlandschaft der Unternehmen - vor allem der Banken - deutliche Spuren hinterlassen habe. In Summe hätten sich die Gewinne der US-Unternehmen in den letzten 20 Jahren fast verdreifacht (+5,4 % pro Jahr), während sie in Europa im Durchschnitt um 3,6 % pro Jahr gestiegen wären.

Die Underperformance Europas sei aber auch dem hohen Indexanteil der Value-Aktien geschuldet: Diese haben sich in den letzten Jahren deutlich schlechter entwickelt als der Index. Unterrepräsentiert sind in Europa hingegen Technologieaktien - Stichwort FANG (für Facebook, Amazon, Netflix und Google) -, die zuletzt bekanntlich hoch in der Gunst der Anleger standen.

Die Einschätzung, dass europäische Aktien attraktiver bewertet sind als US-Titel und daher auch mehr Aufholpotenzial aufweisen, ist für Egger grundlegend falsch. US-Papiere wären teurer - aktuell um rund 20 % über dem langfristigen Mittel -, weil die Qualität gemessen an der Profitabilität höher sei. Europäische Aktien hätten aufgrund der Bewertung aber durchaus Aufholpotenzial - vorausgesetzt die Profitabilität der Unternehmen gleiche sich jener der US-Firmen an. Nachsatz Egger: „Aktuell ist eine solche Entwicklung nicht erkennbar.“

Wolfgang Habermayer, CEO der Merito Financial Solutions GmbH, gibt sich trotz der schwierigen Rahmenbedingungen - die unter anderem von zurückgehenden Gewinnen der Exportunternehmen und „innereuropäischen“  Themen geprägt sind - für die künftige Entwicklung Europas geprägt sind. „Wir haben in der Vergangenheit erlebt, dass die politischen Verantwortlichen immer dann, wenn es zwickt, zusammenrücken und mit wichtigen Maßnahmen bzw. Reformen reagieren“, sagt er im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.

Habermayer empfiehlt Anlegern, sich aktuell sehr günstig bewerteten Sektoren zu widmen. Dazu zählt er etwa Bankaktien. „Das hat zwar teilweise gute Gründe. Dennoch ist der Sektor überverkauft.“ Aber auch Unternehmen, die in ihren Nischen stark positioniert sind, wären eine Überlegung wert. So könnten etwa europäische Rüstungskonzerne davon profitieren, dass die NATO ihre Mitgliedsstaaten dazu aufgerufen hat - den NATO-Zielen entsprechend -, ihre Rüstungsausgaben auf 2 % des BIP zu erhöhen.

Tipps: VW, Tech-Nischenplayer
Aber auch VW (ISIN: DE00076 64039) gefällt Habermayer gut. Trotz des Dieselskandals habe der zweitgrößte Autokonzern der Welt zuletzt Marktanteile gewonnen. „Das zeigt, dass die Konsumenten die Meinung vertreten, dass das Unternehmen sehr gute Produkte herstellt.“ Bei Aberdeen Standard Investments sieht man auch im europäischen Technologieuniversum einige Nischenbereiche, die schnell wachsen und die gegenüber den USA die Nase vorn haben. Dazu gehören Player im Bereich Zahlungssysteme, Bankensoftware, Reiselogistik und Halbleitern.

Autor: Mag. Patrick Baldia (redaktion@boersen-kurier.at)

 

 

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