Turbulenzen im Höhenflug

Der Wirbel um Wirecard zieht immer größere Kreise. Für Anleger ist erst einmal Abwarten angesagt.

Stefan Riedel, München. Die Kursturbulenzen beim Zahlungsabwickler Wirecard (ISIN: DE00074 72060) haben mittlerweile die oberste deutsche Finanzaufsicht alarmiert. Mit Wirkung vom 18. Feber hat die BaFin für zwei Monate den Handel mit Nettoleerverkaufspositionen des Unternehmens untersagt. Der durch die negativen Presseberichte der vergangenen Woche ausgelöste Kurseinbruch, so die Begründung, habe zu einer „ernstzunehmenden Bedrohung der Finanzstabilität“ in Deutschland geführt.

8,7 Mrd€ und damit fast 40 % seiner Marktkapitalisierung hat das seit September 2018 im DAX gelistete Unternehmen seit Ende Jänner verloren. Als erste Reaktion auf den Schritt der BaFin schoss die Wirecard-Aktie im zweistelligen Prozentbereich nach oben. Derartige Kursschwankungen sind absolut unüblich für einen Blue Chip, auch im aktuellen Marktumfeld, das von großer Nervosität gekennzeichnet ist.

Überflieger am deutschen Aktienmarkt
Allein zwischen Anfang 2017 und der DAX-Aufnahme im September 2018 vervierfachte sich der Aktienkurs. Wirecard wickelt Onlinezahlungen zwischen Verbrauchern, Händlern und Banken ab und kassiert dafür Gebühren. Im Geschäftsjahr 2018 erzielte die Firma aus Aschheim bei München damit einen Umsatz von 2,1 Mrd€, der Nettogewinn schnellte um 45 % auf 569 Mio€. Für den Zeitraum 2018 bis 2021 erwarten die Konsensschätzungen der Analysten ein durchschnittliches jährliches Gewinnwachstum von 48 %.

Kritiker bemängelten in der Vergangenheit die mangelnde Transparenz von Einnahmeströmen und verwiesen darauf, dass zugekaufte kleinere Anbieter vor allem aus Asien eine wichtige Rolle beim Wachstum spielen. Auslöser für die jüngsten Short-Attacken waren Presseberichte in der Financial Times. Diese werfen Tochterfirmen von Wirecard in Hongkong und Singapur vor, Umsätze mittels fingierter Verträge geschönt zu haben. Wirecard-Vorstandschef Markus Braun, der selbst 7 % an der Firma hält, hat die Vorwürfe wiederholt als haltlos zurückgewiesen und rechtliche Schritte gegen die Zeitung und den Autor angekündigt.

Bereits 2016 war Wirecard Ziel von Leerverkäufer-Attacken, die sich einen Research-Bericht zunutze machten, der sich auf angebliche Unregelmäßigkeiten im Asiengeschäft von Wirecard konzentrierte. Die damaligen Untersuchungen kamen zu keinem Ergebnis und sorgten dafür, dass die an den Short-Attacken beteiligten Hedgefonds Verluste erlitten. Genau dieselben angelsächsischen Häuser waren zuletzt auch wieder als Leerverkäufer für Wirecard-Papiere unterwegs.

Das Bafin-Verbot gibt dem Wirecard-Management jetzt einen zeitlichen Spielraum, um in den nächsten Wochen bis zum 4. April sämtliche Vorwürfe zu entkräften. An diesem Tag wird die Gesellschaft ihr vollständiges Zahlenwerk für 2018 präsentieren. Obwohl die Aktie mit einem 2020er-KGV von 20 optisch günstig ist, bauen aktuell nur hochspekulative Naturen neue Positionen auf.

Foto: Wirecard

 

 

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