Industrieproduktion im Euroraum erneut rückläufig

Der Rückgang bei den Exporten aus dem Euroraum wirkt sich auch negativ auf die Industrieproduktion aus.

Michael Kordovsky. Die Industrieproduktion entwickelt sich im Euroraum rückläufig und es gibt viele Erklärungen. Dass die Gelbwestenproteste in Frankreich zeitweise zu Produktionsausfällen führten und die Automobilindustrie unter der Umstellung auf den neuen Abgas-Teststandard WLTP leidet, ist weitgehend bekannt, aber nur ein Teil der Wahrheit. Exporttrends, Konsumentenvertrauen bzw. Konsumverhalten und die Stimmung der Führungskräfte in der Wirtschaft sind weitere Faktoren, die einer genaueren Betrachtung bedürfen.

Konjunkturängste
Fakt ist, dass im 1. Quartal 2019 der Zuwachs der gesamten Extra-Ausfuhren aus der EU nur noch bei 3,1 % lag und sich bis März auf 1,2 % verlangsamte. Infolge der Lira-Abwertung brachen die Türkei-Exporte im 1. Quartal 2019 um 22 % auf 17,4 Mrd€ ein. Die Russland-Exporte stagnierten (+0,5 %) und auch jene nach Indien und Südkorea waren jeweils um 6,4 bzw. 7,3 % rückläufig.

Darüber hinaus neigt der Einzelhandel des Euroraums immer wieder zu Schwächeanfällen, was auch mit einem zuletzt tendenziell rückläufigen Konsumentenvertrauen zusammenhängt. Verunsicherung bezüglich des zukünftigen Zollgefüges im Zusammenhang mit laufenden Zollkonflikten schlägt sich negativ auf das Exportgeschäft nieder. Von Seiten der Führungskräfte von Industriebetrieben mehren sich zudem die Konjunkturängste. Entsprechend sieht der von IHS Markit veröffentlichte Aktivitätsindikator im verarbeitenden Gewerbe des Euroraums (umfragebasiert) aus:

Wachstumsbremse
Der finale „IHS Markit Eurozone Einkaufmanager Index“ (PMI) hat sich gegenüber dem annähernden Sechs-Jahrestief zwar um 0,4 auf 47,9 Punkte verbessert, aber er liegt noch immer im Kontraktionsbereich von unter 50. Die Produktion wurde zum dritten Mal hintereinander moderat reduziert. Beunruhigend sind dabei zwei Frühindikatoren: Trotz leichter Abschwächung der Auftragsverluste von ihrem 75-Monatstief im März blieb noch ein starker Rückgang im Einklang mit einem Exportorder-Minus. Als zweites Alarmsignal kommt hinzu, dass sich im Vorleistungs- und Investitionsgüterbereich die Geschäftslage deutlich verschlechterte. Es wird weniger investiert und weniger eingekauft. Letzteres zeigt sich im fünften Rückgang der Einkaufsmenge in Folge, der genauso stark ausfiel wie im März. Auf Länderebene steht Deutschland im April mit einem Indexwert von 44,4 Punkten besonders schlecht da, während die Industriekonjunktur in Österreich, den Niederlanden und Irland (je 49-, 34-, bzw. 30-Monatstief) besonders steil bergab geht. Eine im Zusammenhang mit dieser Entwicklung kritische Kernaussage von Chris Williamson, Chefökonom bei IHS Markit, lautet: „Der Produktionsindex signalisiert einen Rückgang um annähernd 1 % auf Quartalsbasis, womit sich die Industrie im zweiten Quartal eindeutig als Wachstumsbremse erweisen dürfte.“

Dass die Empfindungen (der Wirtschaftsteilnehmer) von heute die Zahlen von morgen sind, und somit Einkaufsmanagerindizes ernst zu nehmende Indikatoren, zeigte sich an den jüngsten Fakten von Eurostat: Von November 2018 bis Jänner 2019 war die Industrieproduktion im Euroraum auf Jahressicht rückläufig und zwar im Bereich von -0,4 % (Jänner 2019) bis -4,1 % (Dezember 2018). Nach einem Nullwachstum im Feber folgte im März ein erneuter Rückgang um 0,6 %. Vor allem Vorleistungsgüter zeigen eine schwache Entwicklung. Auf Länderebene auffallend schwach waren zuletzt Por-tugal (Industrieproduktion -7,9 % im März), Malta (-3,7 %), Spanien (-3,4 %), Griechenland (-2,8 %) und Deutschland (-2,5 %).

Fazit
Der Industriebereich der Eurozone befindet sich in einer Kontraktionsphase, deren Abwärtsdynamik nicht unterschätzt werden sollte.

Foto: Eisenhans/ Fotolia.com

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