Die tickende Zeitbombe entschärfen

Ein Expertengespräch über Risiken und Lösungen im Bereich Pensionsvorsorge.

Manfred Kainz. Die diversen „Reformen“ in unserem Sozialversicherungssystem führen zu drastisch unterschätzten Vorsorgerisiken. Oder, noch deutlicher formuliert: Die jüngsten Pensionsversicherungsreformen „machen den langen Weg bis zur Alterspension ohne private Absicherung zu einer tickenden Zeitbombe!“ Diese Warnung sprach Ronald Felsner beim „Expertengespräch Pensionsvorsorge“ aus: Zu diesem Hintergrundgespräch hatte Standard-Life-Chef (für Österreich und Deutschland) Christian Nuschele im Namen seiner international tätigen Versicherungsgruppe zuletzt in Wien geladen.

Gleich mehrere Lücken

Felsner ist unter anderem Fachtrainer in der Finanzbranche, gewerblicher Vermögensberater, Lehrbeauftragter für Privates Vorsorgemanagement an der Donauuniversität Krems und Entwickler mehrere Beratungstools zur Vorsorgeplanung. Sein Alarmruf beruht auf der noch immer vorherrschenden Wahrnehmung unserer gesetzlichen Alterspension, dass deren „Risiken vielfach falsch eingeschätzt oder generell negiert werden“. Dazu zählt unter anderem die „Altersarmutsgefahr“ für rund 50 % (!) der Österreichischen Frauen, vor der bereits Alexander Biach, immerhin Vorstandsvorsitzender des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, mehrfach gewarnt hat.

Unterschätzung zwei: Der staatliche Pensionskontoauszug, ist, so Felsner, nur ein „Halberzeugnis und noch ausbaufähig“: Denn es „fehlt ihm leider eine Hochrechnung der zu erwartenden Pensionshöhe sowie einer etwaigen Arbeitsunfähigkeitsrente“. Und leider würden „erfahrungsgemäß nur in wenigen Finanzberatungen konkrete Pensionsberechnungen und vor allem Risikoanalysen durchgeführt“. Dazu komme, dass auch „die Kunden tendenziell wenig Eigeninitiative und Eigenverantwortung für die finanzielle Absicherung ihrer Zukunft übernehmen“. Offenbar seien sich viele ihrer persönlichen Risiken nicht bewusst.

Beschränkungen

Und: Allein seit 1996 gab es in Österreich sieben (!) Pensionsreformen. Daher sollte man sich „nicht darauf verlassen, dass keine Reform mehr kommt“, mahnt Felsner. Wenn man sich die jüngsten System-Änderungen ansieht, so seien etwa die Pensionsbewilligungen wegen Arbeitsunfähigkeit auf die Hälfte gesunken. Heute seien eigentlich die Arbeitslosenleistungen „die neue Frühpension“. Was der Experte für gefährlich ansieht: das „Halbwissen“ bei den Menschen (Kunden), und die mangelnde Aktivität der Berater.

Umso wichtiger sei Pensionsvorsorge mittels ergänzender Säulen: also zusätzlich Pensionskassen, deren verwaltetes Volumen kontinuierlich wächst, und staatlich geförderter Zukunftsvorsorge, die aber rückläufig ist.

Wobei zu bedenken ist: Leistungen aus Pensionskassen sind starre lebenslange Renten, in der Regel ohne vorzeitige Zugriffsmöglichkeit, also nicht „herausnehmbar“. Auch die geförderte Zukunftsvorsorge ist auf „lebenslange Verrentung“ ausgelegt, ihre Flexibilität ist also ebenfalls eingeschränkt (so sind etwa keine Teilentnahmen möglich).

Flexibilität nötig

Deshalb brauche es umso mehr, so Felsner, „Strategien für die private Pensionsvorsorge“. Dabei sollte „Flexibilität einen wichtigen Stellenwert“ haben: Heißt: Kapitalzugriffsmöglichkeit in „Notsituationen“ vorm Pensionsantrittsalter (wie Arbeitslosigkeit, Krankheit etc.) sollte „essenzieller Produktbaustein“ sein. Produktflexibilität bedeute also, „zum Geld zu kommen, wenn man’s im Notfall braucht“. Denn mit einem kurz- bis mittelfristigen Einkommensverlust müsse man heutzutage immer rechnen. Dann müssen flexible Kapitalentnahmen zur Deckung der weiterlaufenen Fixkosten möglich sein. Solche Vorsorgestrategien seien auch für die „Generation 50+“ noch sinnvoll, empfiehlt der Fachmann. Für Einmalerläge in Versicherungen mit Fondsveranlagung und Zuzahlungen sei es „nie zu spät“, das gelte speziell für Ab-50-Jährige. Kalkulatorisches Zusatzargument: Der Steuervorteil (nur 4 % Versicherungssteuer, versus 27,5 % KESt am Bankdepot) „schlägt alles, auch bei hohen Produktkosten“!

Foto: Standard Life

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