Euro-Staatsanleihen auf Rekordkurs

Geopolitische Turbulenzen, aber auch die Aussicht auf weitere Zinssenkungen beflügeln den Markt.

Raja Korinek. Es kommt nicht oft vor, dass Europas Staatsanleihen für Furore sorgen. Zuletzt hatte es die 100jährige österreichische Bundesanleihe in die Schlagzeilen geschafft. Denn Anfang August übersprang der Kurs die Marke von 200 % - eine Verdoppelung seit Emission im Jahr 2017. Und damit ein durchaus beachtlicher Anstieg.

Deutschland komplett im Minus
Ähnlich drastisch ist die Entwicklung in Deutschland. Zuletzt wurde eine dreißigjährige Anleihe zu einem Preis von mehr als 100 % platziert, verweist Gabriel Panzenböck, Fondsmanager im Team Rates & FX in der Raiffeisen KAG, auf die ungewöhnliche Entwicklung. Inzwischen sind die Renditen deutscher Staatsanleihen in allen Laufzeiten negativ.

Doch was steckt hinter der Entwicklung? Nebst den geopolitischen Spannungen mehren sich die schlechten Nachrichten zur Weltwirtschaft. Dass sich am vergangenen Wochenende die USA und China zusätzliche Zölle gegenseitig auferlegt haben, gießt weiteres Öl ins Feuer und trifft auch die Eurozone. Für Experten steht jedenfalls fest: Die EZB wird die Geldschleusen bereits im September weiter öffnen.

Geldpolitik treibt die Kurse an
Dabei treibt schon allein die Aussicht auf tiefere Zinsen die Kurse bestehender Anleihen weiter an. Denn sie sind wenigstens noch ein wenig höher verzinst als neue Anleihen, die nach der Senkung begeben werden. Doch wie könnten die Maßnahmen aussehen? So könnte der EZB-Einlagensatz für Banken weiter gesenkt werden, meint Panzenböck. Derzeit liegt er bei -0,4 %. „Auch geht man von einer Wiederaufnahme des Ankaufsprogrammes für Staats- und Unternehmensanleihen aus.“

Auch das würde die Anleihekurse antreiben. Was nicht allen gefällt. Thomas Neuhold, Vorstandsmitglied der Gutmann KAG, meint, das sei bei derart tiefen Renditen sinnlos, „und würde einen überhitzten Markt weiter anheizen“.

Sichere Häfen gefragt
Doch nicht nur geldpolitische Maßnahmen dürften eine Rolle spielen. Der Handelskrieg könnte sich weiter verschärfen. Zudem ist die Italienkrise längst nicht ausgestanden. Sollte sie sich verschlimmern, dürften besorgte Anleger vermehrt sichere Häfen aufsuchen, zu denen vor allem Deutschland zählt. Und das könnte die Renditen etwa 10jähriger deutscher Staatsanleihen allmählich auf bis zu minus 1,5 % drücken, meint Neuhold.

Wie sieht es mit Italien aus?
In der Regierung in Rom kriselt es erneut - mit vorerst ungewissem Ausgang. Bislang wurde die Entwicklung von Investoren recht gelassen genommen, meint Panzenböck. Das lässt sich etwa am Zinsaufschlag 10jähriger italienischer Staatsanleihen zu deutschen Pendants ablesen. Im November 2018 erreichte dieser ein Zwischenhoch von rund 2,9 %-Punkten - in Mitten der Börsenturbulenzen - und ist seither sogar leicht auf rund 2,15 %-Punkte gesunken. Doch allmählich wird die Zeit knapp, im Oktober muss Rom einen neuen Budgetentwurf in Brüssel vorlegen.

Somit kann sich in Italien in den kommenden Wochen die Lage rasch ändern. Vor allem, „wenn der Konflikt mit der Europäischen Kommission neuerlich eskaliert“, mahnt Gerhard Winzer, Chefvolkswirt bei der Erste Asset Management (EAM).

Spanien als neuer Favorit
Doch was gefällt den Experten aktuell? Bei der Raiffeisen KAG verweist Panzenböck auf den spanischen Anleihemarkt. Dort liegt die Rendite 10jähriger Staatsanleihen bei rund 0,14 %. „Wir sehen Spanien mittelfristig in der Bewertung eher bei Semi-Kernregionen wie Belgien oder Frankreich.“ Bei der EAM hat man alle drei Regionen - sowie Österreich - übergewichtet. Dort gebe es noch einen Renditeaufschlag zu Deutschland. Italien habe man neutral gewichtet, während die Länder mit der niedrigsten Rendite untergewichtet seien (das sind Deutschland und die Niederlande).

Und Irland?
Da hat man sich auch zu einer bescheidenen Gewichtung entschieden. Schließlich gibt es jede Menge Unsicherheiten rund um den Brexit, meint Winzer. Negative Folgen könnte die grüne Insel dann besonders zu spüren bekommen.

Foto: pixabay/ Efraimstochter

 

 

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