Leergefegte Arbeitsmärkte

Der Fachkräftemangel setzt dem Wachstum auch in Europa Grenzen.

Michael Kordovsky. In unseren Breiten setzt der Fachkräftemangel dem Wirtschaftswachstum Grenzen. Es fehlen quer durch die meisten Branchen Mitarbeiter. Die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboom-Generation (zumindest der 50er-Jahre) verabschieden sich reihenweise in den Ruhestand. Auf der anderen Seite gibt es eine versteckte strukturelle Arbeitslosigkeit, die in keiner Statistik aufscheint, weil die betreffenden Personen die aktive Arbeitsuche aufgegeben haben. Das Phänomen des Fachkräftemangels und der Pensionswelle ist einer-seits demographischer Natur, andererseits - vor allem in West-europa - spielt hier der verstärkte Run auf Universitäten eine Rolle, während Lehrberufe an Popularität verloren haben. Hinzukommt noch, dass wir schlichtweg eine lange Wachstumsperiode der Wirtschaft hinter uns haben. Die Folgen zeigen sich dann in den aktuellen Wirtschaftsnachrichten.

Die Anzahl der neu geschaffenen Stellen außerhalb des Agrarbereichs stieg in den USA vom Oktober auf November von 156.000 auf 266.000, während die von Bloomberg befragten Experten lediglich von 180.000 ausgingen. Bereits die Zahlen der Vormonate (September plus 13.000 auf 193.000 und Oktober plus 28.000 auf 156.000) wurden nach oben revidiert. Auch erreichte die Arbeitslosenquote nach einem Rückgang von 3,6 auf 3,5 % den niedrigsten Stand seit 1969. Gleichzeitig stiegen die Stundenlöhne auf Jahresbasis mit 3,1 % stärker als erwartet.

EU: Bandbreite von 2,2 -16,7 %
Durchwachsen ist hingegen der Arbeitsmarkt in Europa. Trotz laufender Meldungen über rückläufige Produktion ist von September auf Oktober die Arbeitslosenquote im Euroraum erneut von 7,6 auf 7,5 % bzw. auf den niedrigsten Stand seit Juli 2008 gesunken.

Im Oktober 2018 lag sie noch bei 8,0 %. Gegenüber September ist die Zahl der arbeitslosen Personen um 31.0000 zurückgegangen. Auf Jahressicht war es sogar ein Rückgang um 761.000. Dennoch gibt es in der EU nach wie vor tendenziell ein gewisses Nord-Süd-Gefälle.

Die niedrigsten Quoten weisen folgende EU-Länder auf: Tschechien (2,2 %), Deutschland (3,1 %), Polen (3,2 %), Malta (3,4 %), Ungarn (3,5 %), Niederlande (3,5 %) und Großbritannien (3,8 %). In diesen Staaten ist der Arbeitsmarkt richtig leergefegt und in qualifizierten technischen Berufen werden häufig sogar Pensionisten wieder zurück an den Arbeitsplatz geholt.

Auf der anderen Seite verzerrt eine kleine Gruppe von Ländern
die Arbeitslosenstatistik in Europa, nämlich Griechenland (August 2019: 16,7 %); Spanien (im Oktober: 14,2 %), Italien (9,7 %), Frankreich (8,5 %) und Zypern (7,1 %).

Die Arbeitslosenquoten sind auf breiter Front gesunken. Auf Jahressicht melden 24 EU-Mitgliedsstaaten eine rückläufige Quote. Hingegen Anstiege gab es in Tschechien (von 2,1 auf 2,2 %); in Litauen (von 6,1 auf 6,4 %), in Dänemark (von 4,9 auf 5,3 %) und in Schweden (von 6,5 auf 6,8 %).

In dem Umfeld hat sich die Steigerung der nominalen Arbeitskosten pro Stunde bis zum 2. Quartal 2019 in der EU auf 3,1 % beschleunigt (2. Quartal 2018: 2,6 %). Sollte es 2020 zu einer Stabilisierung der Konjunktur in Europa kommen, dann ist von einer stärkeren Wirkung der Lohninflation auf die Verbraucherpreise auszugehen, was auch gegen weitere Zinssenkungen im Euroraum sprechen würde.

Foto: AdobeStocl Lari

 

 

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