Von Gurus und Crash-Phropheten

Vor allem im Internet tummeln sich viele selbsternannte Experten, die den Untergang prophezeien.

Roman Steinbauer. „Der größte Crash aller Zeiten“, „Diese Aktien vernichten Ihr Kapital!“, „Die Blase platzt“, „Sicher durch den Crash“. Bücher und Online-Banner mit derartiger Titelwahl generieren hohe Verkaufszahlen, Aufmerksamkeit und erscheinen in veritablem Ausmaß auf Finanzplattformen. Plakative Phrasen wie diese, schaffen Autoren aber auch Verlagen Beachtung. Protagonisten dieser Panik-Ausrufe agieren nach simpler und folgender Logik: Dehnt sich der Aufschwung weiter aus, oder mündet in eine Seitwärtsbewegung, schlägt die (wieder einmal) falsche Prophezeiung eines vorausgesagten Kursdesasters auf den Textersteller nicht zurück - vergessen. Es bietet sich Raum für die nächste Crash-Ankündigung. Bricht der Hausse-Zyklus aber wirklich zufällig nach der apokalyptischen Prognose (eine Ausverkaufswelle wird einmal eintreten), steht der Verkünder des Unheils rasch angesehen da - die Rezipienten reflektieren: „Der hatte Recht, er hatte es gewusst und vorausgesehen.“

Über Nacht steigt der Sintflut-Warner wohl zum Guru und Propheten auf. Effekt-Prophezeiungen werden gar mit vorangestellte Titel wie „Prof. Dr. M … „ etc. geschmückt und ein enormer Wissensstand vorgespiegelt. Erfahrene Anleger erkennen diese Irrelevanz im Bezug zur Finanzwelt natürlich.

Die Frankfurter Buchmesse bestätigt: Verschwörungstheorien und Kriminalromane führen die Verkaufslisten an, beide Kategorien werden mit Börsen-Untergangsprognosen ideal gestriffen. Die Statistik bereitet den Humus auf. Laut dem staatlichem US-Wirtschaftsforschungsinstitut (NBER) liegt die längste wirtschaftliche Expansion hinter uns - wenn auch bei weitem nicht die stärkste. Die Wahrscheinlichkeit eines Endes des Aufschwungs und das Risiko einer Marktkorrektur an den Börsen steigt. Doch zu dieser Erkenntnis bedarf es kaum diverser Crash-Propheten. Die verkürzte Darstellung mit Angst einflößenden, deftigen Worten ist auch deren einzige Waffe, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Schon das suggerierte Bild des Platzens einer Blase entspricht keineswegs der Historie. Der stärkste Tages-Kursabschlag des letzten Jahrhunderts fand am 19. Oktober 1987 mit -23 % statt. Es „entwich“ Luft einer Blase. Ein Bärenmarkt kann natürlich folgen.

Notwendige Abgrenzung zu versierten Pessimisten
Auf Argumente basierende pessimistische Darstellungen wirken zur bunten Meinungsvielfalt und Reflexion hingegen bereichernd. So erwähnte Ken Griffin, Gründer des 29 Mrd€ schweren Alternativ-Hedge Fonds „Citadel“, kürzlich singulär einen Gefahrenherd: „Ein Inflationssprung ist das größte Risiko an den Märkten.“ Der unter den gefragtesten Gästen relevanter Finanzmedien und einst jüngster Self-made-Multi-Millionär in der Forbes-400-Liste fügte hinzu: „Die Akteure sind darauf nicht vorbereitet und Politiker könnten die Signale übersehen.“ Der Schweizer Autor und Fondmanager Marc Faber gilt stets als kritischer Betrachter des Marktgeschehens. Der aus Thailand und Hongkong agierende Herausgeber des Gloom Boom & Doom Reports hat den Puls nah an den asiatischen Volkswirtschaften. Auch er pflegt ein kantiges, abweichendes Meinungsprofil. Doch selbst seine Erfahrung und Analyse führten (bisher) nicht zu der von ihm seit Jahren vorausgesagten Vermögenserosion. Faber zweifelt langfristig an der liquiditätsgetriebenen Ökonomie, die der Realwirtschaft längst entlaufen sei.

Auch nach Nouriel Roubinis aktueller Marktanalyse (ð Börsen-Kurier 4/2020) könnte „die aktuelle Selbstzufriedenheit des Marktes“ bald „nicht bloß naiv, sondern völlig wahnhaft aussehen“. Der Börsen-Kurier-Autor und an der New York University lehrende Professor, bietet zu seiner Marktskepsis allerdings nachvollziehbare Relationen und Zusammenhänge an.

Foto: Adobe Stock / alexkich

 

 

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