Defensive Aktien statt Wachstumswerte

„Zu viel Optimismus ist aktuell fehl am Platz“, meint Chefstratege Luca Paolini von Pictet.

Harald Kolerus. Aktien, aber auch Unternehmensanleihen sind nach ihrem Einbruch durch die Covid-Krise wieder in Schwung geraten. Mehr noch: Seit dem 23. März hat an den internationalen Börsen sogar eine massive Rallye stattgefunden. „Aber zu viel Zuversicht wäre fehl am Platz - es werden sicher noch weitere Turbulenzen auf uns zukommen“, so Luca Paolini, Chefstratege bei Pictet Asset Management. In einer digitalen Pressekonferenz warf er einen Blick auf die weltweiten Anlagechancen, wobei er Gold und Corporate Bonds derzeit übergewichtet hat.

Aktien: neutral positioniert
Zunächst herrsche laut dem Experten noch immer Ungewissheit darüber, wie sich der weltweite Ausstieg aus dem Lockdown vollziehen wird. Gleichzeitig kann eine zweite Welle von Coronavirus-Infektionen nicht ausgeschlossen werden. „Wir haben uns entschieden, bei Aktien, Staatsanleihen und Cash unsere neutrale Positionierung beizubehalten, und haben die Allokationen zwischen regionalen Aktienmärkten und festverzinslichen Anlagen umgeschichtet, um den Risiken und Chancen Rechnung zu tragen, die sich in den kommenden Monaten ergeben werden.“ Der Grund für die (Zwischen-)Rallye bei Aktien liegt für den Experten auf der Hand: „Das Erreichen des Peaks der Pandemie bzw. der Infektionsraten hat den neuen Bullen-Markt ausgelöst.“ Außerdem würden steuerliche Stimuli, direkte konjunkturelle Hilfsmaßnahmen, sowie die angestrebte leichtere Kreditvergabe als „Bazooka“ im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie wahrgenommen.

Dennoch ist Paolini auf der Aktienseite sehr vorsichtig: „Die Unternehmensgewinne werden im nächsten Quartal fallen, und es wird schwierig sein, das Level aus Vorkrisenzeiten zu erreichen. Die Unternehmensgewinne stellen ein signifikantes Risikoelement dar.“ In der globalen Asset Allocation gibt der Experte als Konsequenz somit defensiven Aktien gegenüber Wachstumswerten den Vorzug. Übergewichtet sind auch US-Treasuries im Vergleich zu europäischen Staatsanleihen, ebenso wie Investmentgrade Corporate Bonds gegenüber ihren Pendants aus den Emerging Markets.

Made in China
Lan Wang Simond
, Head of Chinese Long Short Equities bei Pictet, nahm ebenfalls an der Tele-Konferenz teil. Sie meinte, dass der Trend der Verlagerung der Lieferketten weg von China zurückgeht: „Das hat vor allem zwei Ursachen: Unternehmen befinden sich angesichts von Corona im Modus der Cash-Erhaltung, da fallen Umlegungen von Herstellungsstandorten schwer. Außerdem erkennt man zunehmend, dass die Effizienz der Produktion in China besser ausfällt als in vergleichbaren Ländern.“

Wie sich der Inlandskonsum im Reich der Mitte weiterentwickeln wird, ist laut der Expertin noch nicht definitiv zu beantworten: „Tatsache ist aber, dass die Fabriken wieder hochgefahren wurden, die Kapazität liegt bei 80 bis 90 % im Vergleich zum Niveau vor Ausbruch der Krise.“

Simond rät dazu, dass sich staatliche Unterstützungsmaßnahmen ohnedies mehr auf die Exportwirtschaft Chinas konzentrieren sollten, als auf den Binnenkonsum: „Denn viele Exportaufträge sind verschwunden.“

Ein Favorit: Luxus
Interessant ist, dass die Spezialistin vor allem für die Luxusgüterbranche prinzipiell positiv eingestellt ist: „Es handelt sich hierbei um eine interessante High-End-Nische. Denn es gibt nach wie vor viele wohlhabende Menschen, die Geld für hochwertige Luxusartikel ausgeben wollen - und das auch können.“

Foto: Pixabay / geralt

 

 

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