Das Globalisierungspendel schwingt zurück

Die Welt verändert sich und mit ihr auch die Warenströme – Globalisierung ist nicht mehr das Hauptthema

Patrick Baldia. Die Globalisierung hat ihre Spitze überschritten - und zwar nicht erst seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie. Davon gehen zumindest etliche Studien und Analysen aus. Auch wenn bestehende Verflechtungen weiter-hin aufrecht bleiben dürften, so wachse die Welt in wirtschaftlicher Hinsicht nicht weiter zusammen, heißt es etwa in einem Report der Weltbank, der Ende 2019 veröffentlicht wurde.

Dahinter stehe - neben einem veränderten politischen Umfeld - vor allem die Tatsache, dass viele Unternehmen ihre Produkte bereits global produzieren, was wenig Spielraum für weitere Vertiefungen mit sich bringe.

Auch eine aktuelle Analyse von Amundi Asset Management kommt zum Schluss, dass das Globalisierungspendel zurückschwingt - konkret seit mehr als einer Dekade. Das würden nicht zuletzt die Entwicklung der weltweiten ausländischen Direktinvestitionen nahelegen. Diese wären seit ihrem Höhepunkt im Jahr 2007 um 60 % zurückgegangen. Bei grenzüberschreitenden Finanzströmen sehe es ähnlich aus. „Der unerwartete Pandemie-Ausbruch hat diese Entwicklung nur beschleunigt“, so Alessia Berardi, Head of Emerging Markets Macro bei Amundi Asset Management, zum Börsen-Kurier.

„Als Reaktion auf die aktuelle Gesundheits- und Wirtschaftskrise überdenken viele Länder ihre Strategien hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Vernetzung, ihrer Autonomie in strategisch bedeutenden Branchen oder bei der Versorgung mit Konsumgütern - und verstärken so den Trend zur Deglobalisierung“, so Berardi weiter. Als Beispiel verweist sie auf den Gesundheitssektor. So hätten die USA zuletzt mehrere Maßnahmen ergriffen und Fördermittel freigesetzt, um die heimischen Produktionskapazitäten im Gesundheitssektor zu erhöhen, und damit eine weitere Linie der Konfrontation mit China geschaffen.

Was bedeutet diese Entwicklung für die Finanzmärkte?
Mit der Globalisierung werden bekanntlich zunehmende Korrelationen innerhalb der Anlageklassen und zwischen geografischen Regionen. „In Finanzkrisen ist allerdings häufig zu beobachten, dass die Korrelationen zwischen einzelnen Märkten deutlich ansteigen, was durch die Analyse der Fundamentaldaten nicht mehr erklärt werden kann“, so Berardi. Dieses Phänomen der „Ansteckung“ sei für Anleger sehr relevant. Schließlich wollen sie von einer Streuung ihrer Geldanlage auf unterschiedliche Risiken profitieren.

Jörg Zeuner, Chefvolkswirt bei Union Investment, ist der Ansicht, dass eine reduzierte Integration der Weltwirtschaft nicht dazu verleiten sollte, weniger international zu investieren. „Im Gegenteil: Die durch die Corona-Krise in Europa zementierten Niedrigzinsen und die hiesige Schwäche im Technologiebereich machen eine internationale Ausrichtung der Portfolios zwingender denn je“, sagt er. Die Deglobalisierung könnte auch den regionalen Gleichlauf von Investments, die Korrelation reduzieren. Nachsatz: „Das bedeutet, dass Diversifikationsvorteile steigen.“

„Anleger sollten von einem traditionellen ausgewogenen Portfolio Abstand nehmen, wenn sie in den nächsten fünf Jahren attraktive einstellige Realrenditen erzielen wollen“, so Luca Paolini, Chefstratege von Pictet Asset Management. Er empfiehlt Anlegern daher vermehrt - neben alternativen Anlagen, inflationsgeschützten Staatsanleihen und Absolute-Return-Strategien - in den Schwellenländern anzulegen.

Schwellenländeraktien haben sich in den vergangenen Wochen relativ gut entwickelt. Auch manche Fonds haben sich gut geschlagen. Mit den Top fünf im aktuellen Ranking der besten Schwellenländer-Aktienfonds von e-fundresearch waren seit Jahresbeginn zwischen 28 und 15 % drinnen. Bei den fünf besten fünf Schwellenländer-Hartwährungs-Anleihefonds steht wiederum eine Performance zwischen 6 und 1 % zu Buche. „Auf der Suche nach real positiven Renditen drängen sich Emerging-Markets-Hartwährungs-Anleihen für Investoren nahezu auf“, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen KAG. Ein Risiko sieht sie dennoch für die Assetklasse: einen neu auflodernden Konflikt zwischen den USA und China.

Foto: AdobeStock / Eisenhans

 

 

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