Europas Champions auf der Überholspur

Trotz des schwierigen Wirtschaftsumfelds gibt es laut Comgest einzigartige Nischenplayer.

Korinek. Die schweren Nachwehen der Corona-Pandemie werden die globale Wirtschaft vermutlich noch länger heimsuchen, wenn auch die Aktienmärkte diesen Umstand scheinbar längst ausgeblendet haben. Dort blicken viele Anleger bereits hoffnungsvoll auf die kommenden Jahre, in denen dann wieder mit einem Konjunkturaufschwung gerechnet wird. Dabei soll in Europa der geplante Wiederaufbaufonds in Höhe von 750 Mrd Euro dieser Entwicklung kräftig unter die Arme greifen. Denn vor allem die südlichen Peripherieländer wurden von der Krise hart getroffen und benötigen dringend eine Finanzhilfe, um möglichst rasch wieder auf die Beine zu kommen.

Hinzu kommt der anhaltende „Run“ auf viele Pharma- und Technologietitel, die vom aktuellen Umfeld sogar profitieren. Der Grund liegt freilich auf der Hand: Die Gesundheit steht angesichts der zunehmenden Ausbreitung des Coronavirus natürlich besonders im Fokus, ebenso wie die richtige Ausrüstung für das Arbeiten von zu Hause aus.

Langfristige Sichtweise
Auch bei der französischen Fonds-boutique Comgest hat man derzeit vor allem auf die zwei Sektoren ein Auge geworfen, etwa im „Comgest Growth Europe“ (ISIN: IE00B6X8 T619) sowie im „Comgest Growth Europe Opportunities“ (IE00BD5HXJ66). Franz Weis, er ist Teamleiter für Europa-Aktien, betont im Gespräch mit dem Börsen-Kurier allerdings, dass dies eine längerfristige Entscheidung sei, die nicht erst aufgrund der aktuellen Pandemie gefällt wurde. Schließlich stehe der Qualitätswachstumsansatz im Fokus. Weis erklärt: „Die Unternehmensanalyse hat oberste Priorität, bevor der betreffende Markt näher betrachtet wird.“ Doch worauf kommt es dem langjährigen Experten an? Er sagt, qualitativ hochwertig seien Unternehmen mit starken, nachhaltig wachsenden Geschäftsmodellen und hohen Markteintrittsbarrieren.

Um solche Titel herauszufiltern gilt es deshalb jede Menge Details zu beachten. „Bei der Analyse der Geschäftsmodelle achten wir zum Beispiel darauf, ob die Umsatzströme defensiv sind, weil die produzierten Güter auch in der Krise gefragt sind, etwa von Pharmaunternehmen, oder ob die Unternehmen wiederkehrende Erträge, etwa aus Lizenzen, verzeichnen.“ Und damit wird auch schnell klar, was insbesondere europäische Pharma- und IT-Unternehmen auszeichnet. Weis meint, beide Sektoren stehen für vorhersehbare langfristige Wachstumstrends, zum Beispiel getrieben durch die alternde Bevölkerung oder den Übergang zu Cloud-Lösungen, mit reichlich Potential für Innovationen.

Zweistelliges Gewinnwachstum
Freilich, ob sich die vorsichtige Selektion bewährt, zeigt sich vor allem während einer Krise, wobei der Crash vom März 2020 besonders rasch und heftig ausfiel. Weis lässt sich davon nicht beirren. „Hinsichtlich der Liquidität haben sich unsere Portfolios während der Krise gut behauptet.“ Dies liege zum Teil daran, dass sie sich aus defensiven Beteiligungen mit stabilen Endmärkten zusammensetzen, wie etwa bei dem Pharmariesen Roche (CH0012032048) oder dem Lebensmittelhändler Jerónimo Martins (PTJMT0AE0001).

Andere Unternehmen seien hingegen finanziell solide aufgestellt. „Obwohl die irische Fluglinie Ryanair im Höhepunkt der Krise 99 % seiner Flugzeuge am Boden halten musste, ist das Unternehmen aufgrund Nettobargeldreserven von rund 4 Mrd Euro nicht auf die Kapitalmärkte angewiesen“, erklärt Weis. Er nennt sogleich ein weiteres Beispiel: Inditex (ES0148396007), die Muttergesellschaft von Zara und Massimo Dutti, verfügte über Barvorräte in Höhe von 8 Mrd Euro, ein Umstand, der dem Konzern im April - als annähernd 90 % der Filialen des Unternehmens geschlossen hatten - zugutekam.

Und dann gibt es freilich auch die regelrechten Krisengewinner, in die Comgest ebenfalls investiert. So werde der niederländische Zahlungsdienstleister Adyen (NL0012 969182) voraussichtlich ein entscheidender Nutznießer der aktuellen Krise sein, meint Weis. Denn sie beschleunigt die Verlagerung in den Onlinehandel.

Wird der Euro zum Problem?
Damit wird jedenfalls auch schnell klar: Europas Unternehmenslandschaft kann durchaus mit zahlreichen „Champions“ aufwarten, wenn auch dies aufgrund der wirtschaftspolitischen Turbulenzen auf den ersten Blick nicht immer so evident erscheint. Allerdings sind zahlreiche Unternehmen - allen voran aus Deutschland - vom Export stark abhängig. Ob da der steigende Euro zu einer Belastung wird? Schließlich hat die Gemeinschaftswährung inzwischen die Marke von 1,19 US-Dollar zügig geknackt.

Doch Weis macht diese Entwicklung für seine Portfoliobeteiligungen wenig Sorgen. Er meint, man setze nicht auf Devisentrends oder sonstige makrowirtschaftliche Größen. „Unsere Unternehmen sollten aufgrund ihrer spezifischen Stärken und in der Lage sein, trotz makroökonomischem Gegenwind zu wachsen.“ Das werde im Jahr 2020 zwar ausnahmsweise nicht gelingen, gibt der Comgest-Experte uns gegenüber offen zu. Er sagt dennoch: „Eine eventuelle Euro-Stärke wird unsere Unternehmen jedenfalls nicht aus der Bahn werfen.“

Foto: Pixabay / MichaelGaida

 

 

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