Neue strukturelle Arbeitslosigkeit?

Heute wie damals ist die hohe Arbeitslosigkeit ein großes Problem für die Vereinigten Staaten.

Michael Kordovsky. Während in Europa Kurzarbeitsmodelle eine höhere Arbeitslosigkeit verhindern, sieht es in den USA düster aus. Im Euroraum ist von April bis Juli 2020 die Zahl der Arbeitslosen nur moderat von 11,942 auf 12,793 Mio gestiegen. Somit hat sich die Arbeitslosenquote in einem überschaubaren Ausmaß, nämlich von 7,4 auf 7,9 % (verglichen mit 7,5 % im Juli 2019), verschlechtert. Dabei sind die Arbeitslosenquoten in der Corona-Zeit relativ gleichmäßig quer durch die EU-Mitgliedsstaaten angestiegen. Die höchsten Arbeitslosenquoten wiesen im Mai Griechenland (17 %), Spanien (15,8 %) und Schweden (9,4 %) auf, während sie in Tschechien mit 2,7 % am niedrigsten ist, gefolgt von Polen (3,2 %), Deutschland und Bulgarien (je 4,4 %). Solange Kurzarbeitsmodelle laufen, Steuer- und Sozialversicherungsschulden und teilweise auch Mieten gestundet werden, sind keine größeren Anstiege zu befürchten. Erst wenn diese Programme und Stundungen auslaufen, dann kann es gefährlich werden.

Massenarbeitslosigkeit in den USA
Wesentlich schlechter sieht es in den USA aus, wo weltweit die meisten Corona-Fälle bekannt sind und durch hohe Arbeitslosigkeit Kaufkraft und Konsum gedrosselt werden. In diesem Zusammenhang gilt es zu bedenken, dass der private Konsum in den USA für rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung verantwortlich ist.

Wie weit es fehlt, kann aus dem jüngsten US-Arbeitsmarktbericht für August abgelesen werden: Im August liegt die Anzahl der Arbeitslosen mit 13,55 Mio noch um 7,76 Mio über dem Level von Feber. Zwar liegt die Arbeitslosenzahl um 2,79 Mio unter dem Wert des Vormonats, doch die Zahl der neu geschaffenen Stellen war von Juli auf August von 1,734 auf 1,371 Mio rückläufig, während Volkswirte noch 1,518 Mio neu geschaffene Stellen erwarteten. Zwar erholt sich die Wirtschaft vom ersten Lockdown im Frühjahr, doch die Regierung hat per Saldo 344.000 (also am meisten) Stellen geschaffen, während nur 248.900 auf den Einzelhandel fielen. 174.000 Jobs wurden im Bereich Freizeit und Gastronomie geschaffen, jedoch in der Produktion nur 29.000, während in der Motorfahrzeug- und Ersatzteil-Branche per Saldo sogar 5.300 Stellen verschwanden. Conclusio: Die Erholung steht auf wackeligen Beinen.

Der Anteil der Arbeitsmarktteilnehmer am gesamten Arbeitskräftepotential (Partizipationsrate) ist zwar von 61,4 auf 61,7 % gestiegen, liegt aber noch immer unter dem Niveau von August 2019 (63,2 %). Es sind nicht mehr alle auf den Arbeitsmarkt zurückgekehrt. Eventuell haben bereits zahlreiche Teilnehmer die aktive Arbeitssuche aufgegeben.

Langzeitarbeitslose im Vormarsch
Ein weiterer Trend ist die strukturelle Arbeitslosigkeit. Während das Hochfahren der Wirtschaft nach dem Lockdown dazu führte, dass die Anzahl der fünf bis 14 Wochen lang Arbeitslosen um gut zwei auf 3,13 Mio zurückging, stieg von Juli auf August die Zahl jener, die schon seit mindestens 27 Wochen arbeitslos sind um 123.000 auf 1,624 Mio. Bereits in den vergangenen Monaten ist diese Zahl kontinuierlich angestiegen. Die Anzahl der 15 bis 26 Wochen lang arbeitslos Gemeldeten ist von Juni auf Juli von 1,903 auf 6,484 Mio gesprungen und stieg im August leicht weiter an, nämlich um 33.000 auf 6,52 Mio Einwohner.

Die Firmen nützen die Corona-Krise nun, um die Digitalisierung und auch Automatisierung voranzutreiben. Dies steigert ihre Effizienz und senkt Kosten. Die Verlierer: Arbeitskräfte, vor allem mit niedrigerer bis mittlerer Qualifikation. Nimmt man die Arbeitsmarktteilnehmer im Mindestalter von

25 Jahren her, so liegt bei jenen ohne High-School-Abschluss die durchschnittliche Arbeitslosenquote im August bei 12,6 %, jene der Marktteilnehmer mit entsprechendem Abschluss bei 9,8 % und bei jenen mit Universitätsabschluss bei nur 5,3 %. Diese Entwicklung erklärt auch die scheinbar starken Anstiege der Stundenlöhne. So sind nämlich die durchschnittlichen Stundenlöhne des Privatsektors um 4,9 % auf 24,81 USD gestiegen. Erklärung: Es fielen gegenüber dem Vorjahr mehr niedrig bezahlte Jobs als hochwertige qualifizierte Stellen weg, die meist ins Homeoffice ausweichen konnten.

Fazit: Die Kluft zwischen „Arm und Reich“ wird in Corona-Zeiten noch größer und aus der Forcierung der Digitalisierung wird mittelfristig eine höhere strukturelle Arbeitslosigkeit hervorgehen, weshalb ein Rückgang der US-Arbeitslosenquote von 10,2 % im Juli auf 8,4 % im August kein Anlass zu verfrühten Optimismus gibt, zumal vor einem Jahr die Arbeitslosenquote bei 3,7 % lag.

Foto: US Information Agency

 

 

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