Nicht Protektionismus, sondern Globalisierung schützt

Ein Gastkommentar von Stefan Beig vom Austrian Institute of Economics and Social Philosophy.

Wirtschaftspolitisch stand das vergangene Jahr im Zeichen einer Wiederbelebung des Neomerkantilismus. Als Anlass diente die Corona-Krise. Seit ihrem Beginn verfolgte die Europäische Union einen Protektionismus nach außen und einen industriepolitischen Interventionismus nach innen, was sich etwa im 750 Mrd Euro schweren EU-Wiederaufbaufonds niederschlug. Zwar sprach man lieber von „ökonomischer Souveränität“ statt von „Protektionismus“, doch leider lief das auf dasselbe hinaus. Die dabei vorgebrachten Argumente sind unhaltbar.

Lieferengpässe von Covid-19-relevanten medizinischen Produkten aus China waren zunächst der Aufhänger der merkantilistischen Wende. Im April erklärte EU-Präsident Charles Michel: „Es ist doch absurd, wenn wir die Maschinen herstellen, mit denen dann China die hier so dringend benötigten Masken produziert.“ Seine Schlussfolgerung: „Wir müssen künftig die zentralen Produkte, die wir für die Gesundheit, aber auch unsere Industrieproduktion brauchen, wieder in Europa produzieren.“

Den Worten folgten auch Taten. Frankreich verwendete Gelder des EU-Wiederaufbaufonds für Subventionen an Unternehmen, mit denen weltweite Lieferketten hinter die französischen Staatsgrenzen zurückgeholt wurden. Die Vorproduktion wurde so nach Frankreich verlagert. Bemerkenswerterweise lag der Fokus sämtlicher EU-Hilfsprogramme nicht primär auf Corona-relevanten Produkten.

So verringert man freilich nicht die Abhängigkeit von einzelnen Ländern. Wer auf einheimische statt auf asiatische Hersteller setzt, der ersetzt die eine Abhängigkeit durch eine neue. So nützt es nichts, relevante Vorprodukte im eigenen Land herzustellen, wenn dort ein Lockdown stattfindet. Abhängigkeit verringert man durch Diversifizierung, und die ermöglicht gerade die vielgeschmähte Globalisierung. Deshalb steigt durch internationale Verflechtung auch nicht wie behauptet die Störanfälligkeit. Die meisten Schocks sind übrigens länderspezifisch, und gerade in solchen Fällen hilft der Außenhandel.

Im Übrigen ist der Aufbau einheimischer Produktionskapazitäten für ein seltenes Ereignis wie eine Pandemie, das nur einmal in einer Generation eintritt, überhaupt nicht sinnvoll. Weit effektiver ist ausreichende Bevorratung.

Klar ist auch: Jeder kauft Güter zuerst dort, wo sie – bei gleicher Qualität – am günstigsten sind. Wenn wir Produkte zu wesentlich höheren Kosten woanders kaufen oder selbst herstellen, kommt uns das teurer. Im Falle von verschreibungspflichtigen Medikamenten, deren Preise nicht von Angebot und Nachfrage bestimmt werden, dürfen wir uns über steigende Kosten des Gesundheitssystems dann nicht wundern. Generell kommen Subventionen für nicht rentable Unternehmen im Inland die Allgemeinheit teuer, sie vergrößern auch nicht den Wohlstand.

Von all dem abgesehen ist die Abhängigkeit von China bei Covid-19-relevanten medizinischen Produkten schlicht ein Mythos. Der deutsche Sachverständigenrat stellte fest: 81 % der Corona-relevanten Medizinprodukte erhalten die EU-Länder aus mindestens 30 verschiedenen Ländern. Deutschlands Arzneimittelimporte stammen zu 72 % aus EU-Ländern, nur 0,8 % aus Indien und China.

Hätten sich Deutschland, Österreich und asiatische Länder hinter ihre Landesgrenzen zurückgezogen, wäre ihr heutiger Wohlstand undenkbar. Diese Staaten verdanken ihrer Integration in weltweite Lieferverflechtungen einen erheblichen Teil ihres Wohlstands. Eine Politik der verstärkten Autarkie verschenkt diese Außenhandelsvorteile, und damit den Wohlstand.

Foto: Adobe Stock / Eisenhans

 

 

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