Konjunkturelle Frühlingsboten

Aufbruchsstimmung im Welthandel? Heimliefertrend lässt Frachtraten explodieren.

Michael Kordovsky. Lockdown, Homeoffice, Kurzarbeit und vorübergehende Arbeitslosigkeit haben alle eines gemeinsam. Sie führen zum Rückzug in die eigenen vier Wände mit Begleiterscheinung vermehrter Onlinekäufe von unter anderem auch Möbeln, diversen Einrichtungsgegenständen, Sportgeräten, etc. Während der stationäre Einzelhandel quer durch Europa Lockdown-Pausen einlegt, zeigt sich laut Eurostat ein regelrechter Boom im Online-Handel. In der EU stieg im November und Dezember das Absatzvolumen im Versand- und Interneteinzelhandel gegenüber den Vorjahresmonaten um jeweils 35,4 bzw. 28,5 %. Irgendwo müssen die Güter hertransportiert werden und so ist es nicht verwunderlich, dass Schiffscontainer knapp werden und alleine von November bis Mitte Jänner die Frachtraten zwischen China und Nordeuropa um das Drei- bis Vierfache stiegen. Bei-spielsweise hatten sich binnen weniger Wochen die Preise für 40-Fuß-Container auf dieser Strecke von 2.000 auf 9.000 USD erhöht.

Ein Indikator, wohin der Frachtpreistrend geht, ist der „Shanghai Containerized Freight Index“ (SCFI), der die Entwicklung der Frachtraten für Container von Fernost nach Nordeuropa abbildet und erst kürzlich ein Fünf-Jahres-Hoch erreichte. Ursache: Es befinden sich noch immer nicht alle Container nach dem Stillstand im ersten Lockdown im Umlauf, zumal dieser Nachfrageschub überraschend kam und Chinas Wirtschaft bereits wieder auf Hochtouren läuft. Deshalb schätzt der IWF nach voraussichtlich 2,3 % im Jahr 2020 Chinas Wirtschaftswachstum für heuer auf 8,1 %.

China importiert mehr Rohstoffe und somit kann sich der „Baltic Dry Index“ auf hohem Niveau halten. Die Benchmark für sogenannte „Trockenfrachten“, wie Kohle, Eisenerz und Getreide, auf 23 verschiedenen Schiffsrouten stieg vom 14. Mai bis 6. Oktober von 393 auf 2.097 Punkte und oszilliert seit mehreren Monaten in einer Seitwärtsbewegung. Offensichtlich braucht Chinas Industrie wieder ausreichend Rohstoffe – eine Entwicklung, auf die auch der jüngste Ölpreisanstieg hindeuten könnte.

Erste Lichtblicke
Doch wie haben sich im Jahr 2020 die globalen Handelsströme entwickelt? Laut WTO trug das dritte Quartal zu einer Milderung der Kontraktion im Weltwarenhandel bei, zumal der Zuwachs gegenüber dem Vorquartal bei 11,6 % liegt, verglichen mit einem Minus von 12,7 % im zweiten Quartal. Auf Jahresbasis gegenüber dem dritten Quartal des Vorjahres lag jedoch die Schrumpfung noch immer bei 5,6 %, verglichen mit minus 8,2 % in den ersten drei Quartalen 2020 (im Jahresvergleich). Dieser Wert ist zwar besser als der von der WTO prognostizierte Rückgang von 9,2 %, allerdings bleibt noch eine hohe Abhängigkeit von der Ausbreitung der Impfkampagnen und dem Zeitpunkt einer nachhaltigen Normalisierung.

Positive Tendenzen können auch in Europa wahrgenommen werden: Zwar sind im Zeitraum Jänner bis November 2020 gegenüber dem Vorjahreszeitraum die Extra-Ausfuhren der EU (Exporte der EU-Länder in Drittländer außerhalb der EU) um 10,3 % auf 1.756,6 Mrd Euro zurückgegangen, zumal es vor allem Maschinen und Fahrzeuge mit einem Minus von 14,1 % hart erwischte, doch im November hat sich auf Jahresbasis der Rückgang der EU-Extra-Ausfuhren auf 1,5 % verlangsamt. Im Handel mit China konnte in den ersten elf Monaten 2020 gegenüber dem Vorjahresvergleichszeitraum ein Exportplus von 1,1 % erzielt werden. Die Exporte in die Türkei und nach Südkorea wuchsen sogar jeweils um 2,1 bzw. 3,5 %.

Fazit
Die globalen Handelstrends könnten schon als erste konjunkturelle Frühlingsboten gewertet werden, sofern nicht wieder weitere Lockdowns und Unterbrechungen der Lieferketten (wegen Pandemie-Eindämmung) einen Strich durch die Rechnung machen.

Foto: Pixabay / IngoMoringo

 

 

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