Österreich als Pensionsvorbild für Deutschland?

Die vermeintlich paradiesischen Zustände in der Alpenrepublik täuschen.

Manfred Kainz. In Deutschland wird darüber berichtet, dass die Österreicher mit ihrem Pensionssystem besser dran sind und es sich für Deutsche lohnen würde, wegen der Rente nach Österreich auszuwandern. Die Linke fordert gar eine Reform des Deutschen Rentensystems nach dem Vorbild Österreichs. Denn hierzulande würden auch Beamte und Selbständige in das staatliche Altersvorsorgesystem einzahlen, man könne früher in Pension gehen und das Rentenniveau sei in der Alpenrepublik höher. Deshalb sollten Deutsche beim Thema Auswandern nicht nur an Mallorca denken, sondern auch an ihr Nachbarland (Studenten und manche Berufsgruppen tun da ja schon).

Alles hat zwei Seiten …
Aber ist das Austro-Altersvorsorgesystem wirklich so paradiesisch, dass es in Deutschland, zumindest von gewissen Kreisen, als nachahmenswert bezeichnet wird? „Es ist alles sehr kompliziert“, gilt wohl auch hier. Denn alles hat seinen Preis: In Österreich sind die Beitragssätze für Arbeitgeber und Arbeitnehmer höher, die Mindestversicherungszeit ist dreimal so lang, und es gibt prozentuell mehr Einzahler ins staatliche Pensionssystem als bei unserem großen Nachbarn. Außerdem wird das Austro-System neben den Beiträgen auch mit stattlichen jährlichen Milliardenzuschüssen aus dem Bundesbudget finanziert, also mit Steuergeldern, die ja auch aus dem Säckel der Bürger (und der Wirtschaft) kommen. Trotzdem führten die diversen Sozialversicherungsreformen der vergangenen Jahrzehnte sukzessive zu Leistungskürzungen für die staatliche Alterspension. Umgekehrt gibt es in Deutschland eine stärkere Zusatzpensionssäule („Riesterrente“); da ist Österreich hinten.

Menschen mündig genug
Dementsprechend würde sich etwa Christian Nuschele wünschen, dass der zusätzlichen Vorsorge „mehr Aufmerksamkeit“ gewidmet würde. Der Head of Sales and Marketing Germany and Austria von Standard Life rät im Gespräch mit dem Börsen-Kurier jedem Bürger, mit seinem Pensionskontoauszug zu einem kundigen unabhängigen Berater zu gehen und sich aufklären zu lassen; also sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie die eigene Versorgungssituation ist, sowie gemeinsam die Pensionsleistungen und die allfällige Pensionslücke zu analysieren. Für die zweite und dritte Vorsorgesäule plädiert Nuschele für eine möglichst unkomplizierte Förderung statt der aktuellen Vielzahl an Varianten, die das Ganze kompliziert macht und dazu führt, dass die Akzeptanz nicht so hoch ist, wie nötig wäre.

Auch glaubt der Kenner der verschiedenen staatlichen Systeme an die Mündigkeit der Menschen, also dass sie mit dem für die Pension Angesparten verantwortungsvoll umgehen: Das Britische „Pension Freedom“-System, in dem man sich ab dem 55-sten Lebensjahr das Vorsorgeangesparte auszahlen lassen kann, zeige, dass es nicht „verjubelt“ sondern überwiegend verantwortungsbewusst für weitere Vorsorge reinvestiert wird. Diese Mündigkeit könne man auch den Menschen hierzulande zutrauen.

Förderung gefordert
Der Vorsorgeexperte und -berater Ronald Felsner sieht im Systemvergleich Deutschland versus Österreich eher bewundernd nach Deutschland, wo man „der Wahrheit ins Auge blickt“, dass die staatliche erste Säule nicht (mehr) alles abdecken kann. Auch bei uns sollte man den Menschen „reinen Wein einschenken“, die Beiträge im Umlagesystem reduzieren, dafür das Vorsorgebewusstsein in der Bevölkerung stärken und die Eigenverantwortung fiskalpolitisch unterstützen. Es brauche einen Ausbau der zweiten und dritten Säule in Österreich, beide gehörten „viel mehr in die Breite“. Dienlich wäre dafür eine unkomplizierte Art von steuerlichem Anreiz, wenn Menschen freiwillig auf einen Teil (5 bis 10 %) ihrer Lohn- bzw. Gehaltsauzahlung verzichten und diesen Teil in ein Vorsorgeinstrument mit Verrentung überweisen (lassen). Betriebe könnten die eingesparten Lohnnebenkosten an ihre Mitarbeiter weitergeben, die das Geld eben für Eigenvorsorge verwenden könnten. Die jetzigen 25 abgabenbegünstigten Euro pro Monat für Privatvorsorge seien „nur ein Tropfen auf den heißen Stein“.

Foto: Adobe Stock / inkdrop

 

 

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