Wie kryptisch ist Krypto?

Bitcoin & Co polarisieren. Kaum andere Anlageprodukte rufen gleichzeitig so viele Fans und Skeptiker auf den Plan.

Helmut Berg. Für viele Menschen sind Anlageprodukte mit virtuellem Charakter und Fachbegriffe wie Blockchain, Mining und dergleichen ein Buch mit sieben Siegeln. Selbst Bill Gates, dem man nicht nachsagen kann, IT-advers zu sein, meinte jüngst, er würde in nichts investieren, was nichts Sichtbares her- oder darstellt. Vielleicht ist es hilfreich, analytisch festzuhalten, dass z.B. Bitcoin keine „Währung“ ist, auch wenn bildliche Darstellungen mit goldenen Münzen dies insinuieren. Eine Währung muss drei markante Eigenschaften erfüllen: sie muss Wertspeicher, Recheneinheit und anerkanntes Tauschmittel sein. Letzteres trifft auf Bitcoin nur sehr bedingt zu. Die meisten Anleger halten Bitcoin deshalb als Wertspeicher. Es ist daher sachlich richtiger, von „Krypto-Assets“ zu sprechen und nicht von Währungen. Diese Sichtweise teilt auch Alexander Valtingojer, CEO der jungen Wiener Krypto-Investment-Plattform Coinpanion, im Börsen-Kurier-Interview. Er möchte den komplexen Krypto-Markt einer breiteren Allgemeinheit näherbringen.

Börsen-Kurier: Warum sehen Sie in Krypto-Assets eine Alternative zum Finanzmarkt?
Alexander Valtingojer: Wir sehen All-Time-Highs an den Aktienmärkten, trotz Corona und einer Wirtschaft, die teilweise im Krisen-Modus steuert. Das Bild passt für viele Menschen nicht zusammen. Da bietet sich Krypto als dezentrales Asset an. Bei Bitcoin punktet die limitierte Zahl der möglichen Coins (21 Mio Stück, Anm. der Redaktion). Bitcoins haben daher die Eigenschaft der Knappheit im Gegensatz zu Währungen, deren Menge ständig steigen kann.

Börsen-Kurier: Revolutionäres „Geld“-System oder große Spekulationsblase? Da scheiden sich die Geister. Es gibt kaum volatilere Anlageprodukte.
Valtingojer: Wir werden bei Krypto-Assets nicht immer steigende Kurse sehen. Sie werden auch wieder fallen. Langfristig jedoch bin ich überzeugt, dass sich diese Assetklasse für den Vermögensaufbau etablieren kann. Schon jetzt beziehen auch große Investmenthäuser Kryptos in ihr Anlageportfolio ein.

Börsen-Kurier: Kann eine dermaßen volatile Assetklasse Schutz vor Inflation sein?
Valtingojer: Man darf diese Vorstellung nicht überstrapazieren. Bitcoin hat derzeit eine Marktkapitalisierung vergleichbar mit Facebook. Das zeigt schon mal, dass relativ „wenig“ Geld in Bitcoin steckt. Eine einzige große Firma am Kapitalmarkt hat das gleiche Volumen. Deshalb springt der Kurs bei Bitcoin schnell, wenn ein Großanleger viele Millionen investiert oder abzieht. Bitcoin ist noch kein so großer Player, dass es auf dem Kapitalmarkt großen Einfluss bewirken könnte.

Börsen-Kurier: Manche vergleichen Krypto-Assets mit Gold. Wie sehen Sie das?
Valtingojer: Eine Parallele ist die Knappheit. Auch Gold ist knapp, aber nur theoretisch. Es wird täglich abgebaut, ist aber endlich vorhanden. Die Menge an Bitcoins ist von vornherein technisch limitiert. Das hat mehr Transparenz. Bei Gold weiß ich nicht: Wieviel wird noch dazu kommen?

Börsen-Kurier: Wer garantiert die Limitierung der Bitcoins?
Valtingojer: Das ist co-technisch gegeben und transparent, da dezentral überwacht. Der Code, der im Hintergrund läuft, ist offengelegt. Alle Akteure weltweit können jeden Transaktionsschritt nachverfolgen. Zeile für Zeile.

Börsen-Kurier: Das führt zum Thema der sogenannten „Blockchain“. Für viele Menschen nicht verständlich. Gibt es eine leicht verständliche Erklärung?
Valtingojer: Der Vorteil der Blockchain ist: Ich habe nicht nur eine Datenbank wie im klassischen System, in der alle Informationen gespeichert sind, ich habe Zig-Tausende, ja Millionen Datenbanken, die alle miteinander verbunden sind und sich gegenseitig updaten. Das heißt, wenn jemand 10 Euro investiert, registriert diese Transaktion nicht nur eine Datenbank, sondern alle. Deshalb kann kein einzelner Akteur etwas verfälschen. Niemand hat Zugriff auf alle Datenbanken. Diese Dezentralität schafft Sicherheit. Ich müsste weltweit mindestens 51 % der Millionen Datenbanken gleichzeitig kontrollieren, um einen einzigen Bitcoin-Eintrag zu ändern.

Börsen-Kurier: Also gegenseitige Überwachung zur eigenen Sicherheit. Das heißt, je größer das Blockchain-Netzwerk wird, umso sicherer ist es?
Valtingojer: Natürlich. Das ist ein Nebeneffekt dieser Dezentralität.

Börsen-Kurier: Dieser enorme technische Aufwand verschlingt Unmengen an Energie. Läuft hier die Technik nicht gegen das wachsende Umweltbewusstsein? Bitcoin-Mining benötigt angeblich so viel Strom wie das Land Argentinien.
Valtingojer: Das ist eine schwierige Frage. Da hat die Krypto-Community einiges aufzuholen, denn in der Tat benötigt der sogenannte „Proof of Work“, das sind physische Computer mit einer enormen Rechenleistung, sehr viel Energie. Es wird derzeit an Alternativen geforscht. Man möchte die dezentralen Rechenvorgänge mit anderen Mechanismen garantieren. Beim Krypto-Asset Ethereum ist man gerade dabei, einen umweltfreundlicheren Switch der Bestätigungsvorgänge mit einem neuen, energiesparenden Medium einzuleiten. Der Energieverbrauch ist ein Problem. Doch man muss sich auch die Frage stellen: Wieviel Energie braucht das herkömmliche Finanzsystem? Da gibt es wenig Transparenz.

Börsen-Kurier: Bei einer Währung garantiert eine Landesbank oder eine Zentralbank für den Wert. Wer garantiert den Krypto-Wert?
Valtingojer: Weil es eben keine Währung ist, sondern ein Asset, gibt es diese Garantie nicht. Man investiert in eine Blockchain-Technologie.

Börsen-Kurier: Wie entgegnen Sie Verfechtern der Old Economy, die Krypto-Assets mit DKT-Spielgeld vergleichen?
Valtingojer: Ich glaube, es ist für viele noch schwer zu verstehen, dass es eine Asset-Klasse gibt, in der man in Technologie, in Infrastrukturen investiert. Viele Investment-Broker und auch Banken beginnen – auch von der Kundennachfrage getrieben -, sich damit zu beschäftigen. Es ist einerseits eine Sache des Mindsets, andererseits sieht man, dass ein Großteil der Investoren jüngere Menschen sind. Sogenannte „Young Professionals“, die in einer digitalen Welt aufgewachsen und es gewohnt sind, dass auch Dinge existieren, die man nicht anfassen kann. Das heißt, Reales kann auch virtuell existieren. Natürlich kann man Bitcoin nicht anfassen, doch ist das in einer digitalen Welt überhaupt noch nötig?

Börsen-Kurier: Das führt uns beinahe zur ontologisch-philosophischen Frage der möglichen Existenzform eines Seienden.
Valtingojer: Einen Geldschein kann man zwar anfassen, er ist im Grunde aber auch nur ein Versprechen auf einen bestimmten Wert.

Börsen-Kurier: Ein Graubereich scheint die Versteuerung aus realisierten Krypto-Asset Gewinnen zu sein.
Valtingojer: Fast jedes EU-Land erlässt andere Regeln zur Versteuerung von Kryptos. Hier gibt es keine Einheitlichkeit. In Italien sind es null Prozent, in Österreich und Deutschland fallen diese Gewinne in die Einkommenssteuer. In Großbritannien wird es der Kapitalertragssteuer hinzugerechnet. Bis 2020 wurden Gewinne aus Kryptowährungen gesetzlich nicht erfasst. Aktuell will man die EU-Regeln für Krypto-Assets in die MIFID-Bestimmungen einbauen. Ich denke, langfristig wird es auch bei uns unter die Kapitalertragssteuer fallen.

Börsen-Kurier: Es wurde der Vorwurf erhoben, bei Krypto-Investments sei auch Schwarzgeld im Spiel, oder es werde Geldwäsche betrieben, weil es ein schwer zu kontrollierender Finanzmarkt sei.
Valtingojer: Ich weiß. Doch in Wirklichkeit ist das ein Widerspruch. Denn eigentlich wäre die Kontrolle für die Steuerbehörde extrem leicht. Nirgendwo sonst sind finanzielle Transaktionen dermaßen präzise Schritt für Schritt festgehalten, wie in den Blockchain-Datenbanken. Jeder Schritt ist dort bis ins kleinste Detail noch in zig Jahren nachvollziehbar. Das ist also ein denkbar schlechter Ort für Geldwäsche. Die Behörden bräuchten nur technisch aufzurüsten.

Foto: AdobeStock / rcfotostock

 

 

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