Konjunkturschwachstellen in Europa

Das Eurozonen-BIP schrumpft aufgrund struktureller Schwächen noch immer um 1,8 %.

Michael Kordovsky. Während das BIP-Wachstum in den USA vom vierten Quartal 2020 auf das erste Quartal 2021 bereits von -2,4 auf 0,4 % ins Plus drehte, verharrt die Eurozone noch immer im Kontraktionsbereich. Nach -4,9 % im vierten Quartal 2020 lag im ersten Quartal 2021 die Schrumpfung der Wirtschaftsleistung noch immer bei -1,8 % (EU: -1,7 %). Dabei entwickeln sich die Volkswirtschaften auf breiter Front rückläufig: Von den 20 EU-Mitgliedsstaaten, die BIP-Daten zum ersten Quartal 2021 veröffentlichten, meldeten ledig-lich die Slowakei, Litauen und Frankreich ein Wirtschaftswachstum gegenüber dem Vorjahreszeitraum (jeweils 0,5 %, 1,0 bzw. 1,5 %). Ein Nullwachstum verzeichnete Rumänien. 16 Mitgliedsstaaten hingegen meldeten eine Schrumpfung des BIP. Die stärksten Rückgänge erlitten dabei mit je -5,4 %; -4,3 % bzw. -3,0 % Portugal, Spanien und Deutschland. Alle drei Staaten hatten harte Lockdowns. Portugal und Spanien erlitten dabei massive Einbußen im Tourismus, während Deutschland von Lieferkettenunterbrechungen in der Autoindustrie hart getroffen wurde.

Strukturelle Arbeitslosigkeit nimmt zu
Was die USA aktuell von Europa unterscheidet sind erstens die noch massiveren staatlichen Konjunkturprogramme und zweitens moderatere Corona-Maßnahmen mit meist kürzerer Dauer. Genauso wie in den USA liegt auch in Europa eine aktuelle Schwachstelle in der höheren Arbeitslosigkeit. Allerdings haben in Europa viele Staaten so etwas wie Kurzarbeitsprogramme und die Mitarbeiter von Firmen in diesen Programmen scheinen in keiner Arbeitslosenstatistik auf. Mit dem Fortschreiten der Digitalisierung – insbesondere während der Lockdowns in der Corona-Zeit – baut sich gerade ein struktureller Arbeitslosensockel auf. Von April 2020 bis April 2021 stieg im Euroraum die Arbeitslosenquote von 7,3 auf 8,0 %. Am höchsten war sie zuletzt mit 15,8 %, 15,4 bzw. 10,7 % in Griechenland, Spanien und Italien. Interessant ist vor allem die nach wie vor hohe Jugendarbeitslosigkeit von 17,2 % im Euroraum, wobei es natürlich ein bekanntes Nord-Süd-Gefälle gibt. Mit je 38,0 %, 36,3 bzw. 33,7 % am höchsten ist sie in Spanien, Griechenland und Italien. Hingegen mit 6,0 bzw. 8,3 % am niedrigsten ist sie in Deutschland und Tschechien. Deutsche und tschechische Jugendliche zeigen eine durchaus hohe Bereitschaft zur Aus- und Weiterbildung. In den südlicheren Ländern hingegen ist Ausbildung häufig stark mit Familientraditionen verflochten.

Minimalismus – Ein neuer Trend
Was bedeuten diese Arbeitsmarkttrends für den Konsum im Euroraum? Er konzentriert sich mehr und mehr auf das Lebensnotwenigste. Luxusgüter, Textilien und Bekleidung sind deshalb am absteigenden Ast. Dafür fließt mehr Geld in die eigenen vier Wände.

Während in den Monaten März und April 2021 bereits starke Basiseffekte zum Vorjahr herrschen und die Veränderungen der Einzelhandelsvolumina dadurch ein verzerrtes Bild ergeben, zeigt die Entwicklung im Feber 2021 relativ gut, wohin der Trend geht: Der Bereich Nahrungsmittel, Getränke, Tabakwaren erzielte im Euroraum eine Steigerung von 2,6 %. Hingegen war das Absatzvolumen von Nicht-Nahrungsmitteln (ohne Motorenkraftstoffe) im Jahresvergleich um 3,4 % rückläufig. Indessen wuchs der Versand- und Interneteinzelhandel um 41,3 %.

Immer mehr ist der Minimalismus in puncto Konsum und Wohnen im Vormarsch. Transportierbare Minihäuser, die hauptsächlich aus Holzteilen bestehen, Wohnwägen, Mini-Appartments – all das boomt. Zahlreiche Bücher und Bekleidungsstücke landen in Second-Hand-Portalen auf den Markt. Discounter boomen, teure Fachgeschäfte sterben und am meisten boomt der Internet-Einzelhandel, der transparente Preisvergleiche möglich macht. Während sich in Russland und im asiatischen Raum eine riesige Szene der „Neureichen“ etablierte, herrscht in Europa eine neue „Armutskultur“ gut getarnt unter den Begriffen „Share-Economy“ (Auto ausleihen, da Kauf nicht leistbar) und „Minimalismus“ (man kann sich eigentlich nicht mehr leisten). Diese versteckte Armut ist wie Sand im Getriebe der Konjunktur.

Foto: Pixabay / Alexas_Fotos

 

 

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