Ist der Inflationsanstieg nachhaltig?

Nachwehen der Corona-Krise äußern sich in einem Inflationsschub.

Michael Kordovsky. Obwohl Volkswirte nur von 4,9 % ausgegangen sind, explodierte der jährliche Anstieg der Verbraucherpreise in den USA von Mai auf Juni von 5,0 auf 5,4 %. Dies markiert die höchste Rate seit August 2008. Noch im Jänner lag die US-Inflation bei 1,4 %.

Lieferkettenunterbrechungen im Automobilsektor sowie eine weltweite Chip-Knappheit führen zu ausgedehnten Lieferzeiten bei neuen Fahrzeugen. Die Preise für gebrauchte Pkw und Trucks explodierten auf Jahresbasis um 45,2 %. Binnen eines Monats lag die Verteuerung bei 10,5 %. Das war hier der stärkste Preissprung seit 1953. Auch die Neuwagenpreise sind im Aufwind. Autovermieter investieren. Insgesamt sind Pkw und Trucks für ein Drittel des Preissprungs verantwortlich. Weitere Preistreiber sind Hotelbuchungen, Autovermietungen, Bekleidung und Flugreisen.

Ursachen liegen in der weitgehenden Aufhebung von Corona-Beschränkungen in Kombination mit 6 BioUSD an Staatshilfen seit März 2020. Weitere Komponenten sind explodierende Öl- und Agrarrohstoffpreise. Auf Jahresbasis stiegen die Preise für Mais, Sojabohnen und Weizen um jeweils 53, 63 bzw. 25 %. Der Preis der Ölsorte WTI stieg sogar um 73 % – aber von einem entsprechend niedrigem Niveau ausgehend.

Die volatilen Preiskomponenten Nahrungsmittel und Energie rausgerechnet stieg die Kerninflation trotzdem auf 4,5 nach 3,8 % im Mai, was mittlerweile den stärksten Anstieg seit November 1991 bedeutet. Der Index der individuellen Konsumausgaben – ein bevorzugter Inflationsmaßstab der Fed – verzeichnet mit 3,5 % im Mai stärksten Sprung seit April 1992. Indessen lag der Stundenlohnanstieg in der Privatwirtschaft bei

3,6 %. Eine Lohn-Preis-Spirale dürfte sich somit – nicht zuletzt infolge der nach wie vor hohen strukturellen Arbeitslosigkeit – nicht entfachen.

Rückläufige Inflationsrate im Euroraum
Im Euroraum ist die Inflationsrate vom vorläufigen Jahreshoch von 2,0 % im Mai bis Juni auf 1,9 % wieder zurückgegangen, wobei die einzelnen Mitgliedsstaaten unterschiedliche Preisentwicklungsmuster aufweisen. Die niedrigsten jährlichen Raten wurden in Portugal (-0,6 %), auf Malta (0,2 %), in Griechenland (0,6 %) und Italien (1,3 %) gemessen. Mit Ausnahme von Italien, das in den Vorquartalen in einer tiefen Kontraktion steckte, zeigten die anderen Niedriginflationsländer eine überdurchschnittliche Schrumpfung des BIP im ersten Quartal in der Bandbreite von -2,0 % (Malta) bis -5,4 % (Portugal). Die höchsten Inflationsraten wiesen indessen folgende Länder auf: Ungarn (5,3 %), Polen (4,1 %) und Estland (3,7 %). Diese befinden sich in einem wirtschaftlichen Aufholprozess.

Die mit 9,5 % im HVPI gewichtete Energiepreiskomponente stieg im Juni um 12,6 % und trug somit infolge steigender Ölpreise 1,16 %-Punkte zur Jahresinflationsrate für die Eurozone bei. Weitere größere Inflationsbeiträge leisteten im Juni Industriegüter ohne Energie und Dienstleistungen mit je 0,31 bzw. 0,28 %-Punkten. Allerdings hielt sich der Preisauftrieb dieser Subindizes mit je 1,2 bzw. 0,7 % in engen Grenzen. Die Preise unverarbeiteter Lebensmittel waren sogar um 0,3 % rückläufig. Entsprechend niedriger war die Preissteigerung im HVPI ohne Energie mit 0,8 % nach jeweils 0,7 bzw. 0,9 % Anstieg in den Monaten April und Mai.

Angesichts des Vormarsches der Corona-Delta-Variante und zunehmender Verschärfungen im internationalen Reiseverkehr ist erneut von einer Beeinträchtigung der Ölnachfrage auszugehen. Gleichzeitig werden erneuerbare Energien immer schneller forciert. Erneut rückläufige Ölpreise und somit eine Mäßigung der Inflationsrate ist in Europa zu erwarten. In den USA hingegen rechnen vor allem die Experten der Fed damit, dass an der Preisfront bald das Schlimmste hinter uns liegt.

Foto: Pixabay / Foto-Rabe

 

 

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