Im Dschungel der „grünen“ Anleihen

Einheitliche Standards und Transparenzvorschriften sowie externe Überprüfungen fehlen.

Red. Der jüngst veröffentlichte Bericht des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) über den bedrohlichen Zustand des globalen Klimas rüttelt auf. Auch die Finanzwelt will ihren Beitrag zu einer besseren Umwelt, mehr Nachhaltigkeit und mehr sozialer Verantwortung leisten. „ESG“-Produkte, die ökologische (environmental), soziale (social) und die Unternehmensführung (governance) betreffende Kriterien berücksichtigen, sind im Aktienbereich bereits etabliert. Nun wächst auch das Angebot an nachhaltigen Anleihen rasant, allerdings mit einer ebenso großen Vielfalt an Ausprägungen, stellen die Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar fest. Diese Anleihen werden in der Regel für Einzelprojekte zur Verbesserung der Nachhaltigkeit emittiert.

Immer breitere Auswahl
Die Ratingagentur Moody‘s erwartet für heuer bei nachhaltigen Emissionen insgesamt ein Wachstum von mehr als 30 %. Nachhaltige Anleihen wurden bisher hauptsächlich von der Finanz- und Immobilienbranche, von Versorgern und von der Branche der erneuerbaren Energien emittiert. Zuletzt hat sich das Spektrum der Emittenten ausgeweitet. Dank neuer Anleihen-Konstruktionen umfasst es inzwischen nahezu alle Branchen und Staaten. Nach Ansicht der Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking können nachhaltige Anleihen zu einer realen Verbesserung in ökologischer und sozialer Sicht sowie auf Unternehmensebene beitragen.

Investoren müssen sich auf das Unternehmen verlassen, wenn sie nicht aufwendig prüfen wollen, ob eine Anleihe auch wirklich nachhaltig ist, so die Veranlagungsexperten. So können sich zum Beispiel Emittenten bei Nichterreichen der selbst gesetzten Treibhausgasreduktions-Ziele über den Erwerb von CO2-Zertifikaten freikaufen oder sie setzen das Geld der Investoren nicht oder nicht ausschließlich für die beschriebenen Projekte ein. Es ist fraglich, ob zum Beispiel eine grüne Anleihe, die der Effizienzsteigerung einer Raffinerie oder der Modernisierung eines Kohlekraftwerks dient, wirklich nachhaltig ist.

„Einheitliche Kriterien wären sinnvoll“
Hat ein Investor konkrete Vorstellungen, dann kann er mittlerweile zwischen zahlreichen Produkten, deren Kriterien er mit seinem persönlichen Nachhaltigkeitsempfinden abstimmen kann, wählen. Schließlich ist dieses individuell. So ist etwa für den einen Investor Atomkraft nicht nachhaltig, für den anderen vielleicht schon. Eine Vereinheitlichung der Standards, einheitliche Transparenzvorschriften und eine externe Überprüfung würden zu einer deutlichen Qualitätsverbesserung führen und somit auch einen stärkeren ESG-Impact bewirken, so die Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking. Sowohl für professionelle als auch für private Investoren wäre dies eine Erleichterung. Die Nachfrage nach nachhaltigen Anleihen und anderen Finanzprodukten würde mit allgemein gültigen Standards vermutlich noch weiter steigen.

Ansätze wie bei Aktien
Die EU setzte bereits einen ersten Schritt und erließ Offenlegungspflichten für Finanzprodukte, die als ökologisch oder nachhaltig vermarktet werden sollen. Aller-dings wurden noch keine konkreten Kriterien verankert, die den Nachhaltigkeits-Dschungel vereinheitlichen und damit transparenter machen würden. Die angewandten Kriterien sind ebenso vielfältig wie die Ansätze, was nachhaltige Produkte nur schwer vergleichbar macht. Im Aktienbereich gibt es beispielsweise Ansätze mit Ausschlusskriterien (Ausschluss bestimmter Branchen wie z. B. Atomkraft), ESG-Integration (Einbeziehen von ESG-Risiken in der Veranlagung) oder Best in Class-Ansätze (Vergleich der ESG-Charakteristik von Unternehmen), aber auch Kombinationen aus verschiedenen Ansätzen. Zunehmend kommen bei nachhaltigen Anleihen und Anleihefonds bzw. ETFs verstärkt ähnliche Ansätze wie bei Aktien zum Einsatz. Erfüllen Unternehmen die Vorgaben, können deren Anleihen in nachhaltigen Produkten eingesetzt werden. Der Vorteil für den Anleger: Er kann unter Berücksichtigung nachhaltiger Kriterien in unterschiedliche Branchen investieren.

Die Produkte
Bei Anleihen haben sich zuletzt einige Produkte etabliert, die sich nicht über den Emittenten, sondern über die Ausgestaltung des Wertpapiers definieren und somit dem Anleger eine gute Orientierung bieten können.

Zu den bekanntesten nachhaltigen Anleihen zählen Green Bonds, deren Emissionserlös der Finanzierung von Projekten mit ökologischem Nutzen, etwa einer Solaranlage, dienen. Die ICMA (International Capital Market Association) hat für Green Bonds Empfehlungen veröffentlicht, die einen Qualitätsstandard definieren. Kernpunkte sind die Mittelverwendung, der Prozess der Projektbewertung und -auswahl, die Verwaltung der Erlöse und das Reporting – insbesondere in Bezug auf die ökologischen Auswirkungen. Zudem wird empfohlen, die Einhaltung dieser Punkte durch externe Begutachter zu überprüfen. Um verpflichtende Vorgaben handelt es sich dabei aber nicht und auch konkrete Investitionsziele wurden nicht definiert.

Social Bonds ähneln den Green Bonds und erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Ihre Emissionserlöse dienen dem gesellschaftlichen Nutzen, etwa Infrastrukturprojekten, Krankenhäusern oder Bildungsprojekten.

Sustainability Bonds sollen Projekte finanzieren, die sowohl einen gesellschaftlichen als auch einen ökologischen Nutzen haben. Auch für diese beiden Arten gibt es vergleichbare Empfehlungen der ICMA.

Weniger bekannt sind bisher Sustainability-Linked Bonds oder KPI-gebundene Anleihen (Key Performance Indicators). Deren Erlös ist nicht an ein spezifisches Projekt gebunden, sondern dient dem allgemeinen Finanzierungsbedarf des Unternehmens und wird an übergeordnete Kriterien geknüpft, die umwelt- oder gesellschaftsrelevante Auswirkungen haben. So soll die Verbesserung der Nachhaltigkeit des gesamten Unternehmens erreicht werden. Dies eröffnet auch Unternehmen, deren Geschäftsfeld als wenig ökologisch oder sozial gilt, die Möglichkeit, nachhaltige Anleihen zu emittieren. Beispiele lieferten etwa der italienische Energiekonzern Enel (ISIN: IT0003128367), der sich mit einer solchen Anleihe zu einer genau definierten Treibhausgasreduktion verpflichtete, oder das Schweizer Biotechnologie- und Pharmaunternehmen Novartis (CH0012005267), das unter anderem doppelt so vielen Patienten aus ärmeren Ländern Zugang zu innovativen Therapien ermöglichen will. Wenn Enel, Novartis und Co. mit ihren versprochenen Zielen scheitern, drohen als Konsequenzen ein höherer Kupon und in weiterer Folge eine Beeinträchtigung ihrer Reputation und unter Umständen teurere Refinanzierungsbedingungen.

Foto: AdobeStock / alexmillos

 

 

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