Neuer Höhepunkt des Übernahmefiebers

Günstige Finanzierungsbedingungen und die hohe Liquidität befeuern eine Welle an Aufkäufen.

Roman Steinbauer. Die weltweiten Übernahme- und Fusionsaktivitäten erreichten bereits bisher neue Rekordstände. Ein historisch niedriges Zinsniveau sowie weiter anziehende Aktienkurse beschleunigen diesen Trend weiter. Laut dem New Yorker Wirtschaftsdatendienst Refinitiv wurde soeben die Vorjahresmarke von 3,02 Bio Euro an verkündeten, ausstehenden und vollendeten Übernahmevereinbarungen überschritten. Die Anzahl der Deals zog 2021 bisher um 24 % auf über 3,06 Bio Euro an. Dabei stechen die Vereinigten Staaten mit einem Übernahmevolumen von umgerechnet 1,80 Bio Euro hervor. Europäische Unternehmen agierten mit bisher 552 Mrd Euro gemächlicher, ebenso hielten sich im Gegensatz dazu Gesellschaften aus der Asien-Pazifik-Region (520 Mrd Euro) zurück. Derzeit scheint kein Ende der Aufkäufe absehbar. Großunternehmen wie Beteiligungsgesellschaften sitzen auf einem hohen Bargeldbestand. Zusätzlich sind viele Firmen gefordert, nach den Lockdowns und dem veränderten Käufer- bzw. Nutzerverhalten ihre Geschäftsmodelle anzupassen oder neu auszurichten.

Was die Branchen im Einzelnen angeht: Im Umfeld der Erneuerbaren Energien ist eine Verdoppelung der Aktivitäten auf 15,12 Mrd Euro wahrzunehmen. Der Einzelhandel und die Touristik fallen hingegen dieses Jahr weiter in der M&A-Gewichtung gegenüber Technologie und Gesundheit zurück. Als Käufer treten zunehmend Blankoscheck-Gesellschaften (für Übernahmetätigkeiten gegründet) oder SPACs (Zweckunternehmen, Mantelgesellschaften) auf. Zielobjekte sind vor allem Akteure der digitalen Welt mit eigenen Plattformen.

Großfusion in der Medienbranche
Die größte Übernahme wurde heuer bisher im Mediensektor verkündet. Durch die Verschmelzung des Mediengeschäfts des US-Telekommunikationsriesen AT&T (Warner Media) mit dem Wettbewerber Discovery wurde ein Volumen von 101 Mrd Euro bewegt. Unter dem Dach von Warner Media befinden sich neben Filmstudios Nachrichtenkanäle wie Eurosport, CNN, HGTV, Food Network oder der Bezahlsender HBO.

Baxter Intl. (ISIN: US0718131099) kommt unterdessen dem Ziel, beim US-Unternehmen Hill-Rom (US4314751029) das Ruder zu übernehmen, näher. So bietet der Pharmakoloss dem Medizintechnik-Spezialisten aus Chicago 8,9 Mrd Euro oder 156 USD je Aktie. Ein Angebot, das die Aktionäre des Herstellers von Patientenüberwachungssystemen, Krankenbetten und OP-Tischen nicht kalt lässt, nachdem eine niedrigere Offerte vor zwei Monaten nicht akzeptiert wurde.

Angetrieben durch das Medizin- und Technologiesegment
Der französische Sanofi zielt offenbar erfolgreich auf die Integration von Translate Bio (US89374L1044) ab. Für die auf mRNA-Impfstoffe fokussierte US-Gesellschaft werden 38 USD je Aktie und somit 2,7 Mrd Euro geboten. Dieser satte Aufschlag um beinahe ein Drittel gegenüber vorlaufenden Bewertungen löste bei den Alt-Aktionären aber keine Gegenwehr aus. Die Umsetzung wird bis Oktober erwartet.

Widerstand erfährt derzeit der US-Halbleiterhersteller Nvidia (US67066G1040) mit der beabsichtigten Übernahme des britischen Chip-Designers Arm (Tochterunternehmen von Softbank, JP3436100006). Die Regierung in London brachte nun die Skepsis zur „Nationalen Sicherheit“ ins Spiel.

Die Schweizer Tecan (Vertrieb von Laborinstrumenten und Automatisierungslösungen für die Bereiche Biopharma, Forensik und Klinische Diagnostik, CH0012100191) hat hingegen den Erwerb des kalifornischen Medizingeräteherstellers Paramit um 920 Mio CHF (846 Mio Euro) abgeschlossen.

Foto: Pixabay / geralt

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen