Überholen die Chinesen Europa?

Deutsche Bank Wealth Management wagt den Globalausblick.

Rudolf Preyer. „Wir werden aus bekannten Gründen nicht zum ‚alten Normal‘ zurückkehren können“, eröffnete Markus Müller, Globaler Leiter Chefanlagestrategie bei Deutsche Bank Wealth Management, den exklusiven Marktausblick-Round-Table. Vom Börsen-Kurier auf den Themenkomplex ESG (Environmental, Social, Governance) angesprochen, meinte Müller, dass dieser Bereich „potenziell – sowohl auf Unternehmens-, als auch auf Volkswirtschaftsseite – wachstumsfördernd“ sein könne. Nachgefragt, ob strenge Restriktionen nicht wettbewerbsverzerrend bzw. gar nachteilig für den europäischen Markt seien, meinte der Chefstratege, dass Europa die Technologieführerschaft – etwa auch in der „grünen Technologie“ – anstreben müsse, dann würden auch weitere Märkte folgen. „Unser Kontinent kann etwa in puncto erneuerbarer Energien als Prozessindustrie bereits eine globale Vorreiterrolle einnehmen.“

Deutschland im Rückspiegel
Müller erinnerte aber auch an ein eher unrühmliches Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte. Unser nördlicher Nachbar war einst „sehr gut in der Solar-Technologie“, ist mittlerweile aber von den Chinesen überholt worden. Was zu tun sei, um nicht im Rückspiegel des Reichs der Mitte immer kleiner zu werden? „Bildung ist essenziell.“

Jedoch müssen die Schul- und vor allem Studienpläne entstaubt werden, denn diese seien noch „auf die Struktur der letzten Industrialisierung ausgerichtet – also 150 Jahre veraltet“. Auch überlegte er, ob man nicht das traditionelle 3-Sektor-Modell „Agrartechnologie, Industrie und Service“ um den Sektor „Digitalisierung“ ergänzen müsste.

Der Deutsche-Bank-Vordenker führte weiters aus, was sich für das verbleibende Jahr aus Finanzmarktsicht erwarten lässt.

Globalperspektiven
Die Produktivität bleibe in der Eurozone eine „große Problematik“ (die erste von Müllers „Zehn zentralen Thesen“). Aber: Das Wachstumsgefälle zwischen der Eurozone und den USA werde heuer seinen Höhepunkt erreichen, wobei die Eurozone diese Wachstumslücke im kommenden Jahr schließen dürfte. Infolgedessen werde sich der US-Dollar aufgrund der zunehmenden Wachstumsdynamik in Europa abschwächen.

Die Zentralbanken sollten allgemein eine Drosselung der Anleihekäufe Richtung 2022 erwägen, die Fed dürfte ab Dezember 2021 schrittweise mit der Reduzierung der Anleihekäufe beginnen. Apropos Tapering: Dieses sei bereits in den Aktienmärkten eingepreist, so Müller. Aber: „Aktien sollten weiterhin vom TINA(‚The-re Is No Alternative‘)-Argument profitieren.“

Die Inflationsraten werden in absehbarer Zeit nicht auf Vorkrisenniveau zurückkehren. Hier spiele die Umweltpolitik inzwi-schen eine Rolle: Der CO2-Ausstoss verteure sich generell (Stichwort Zertifikate), was einen Inflationsdruck auslöse (der sogenannte „Spill-Over-Effekt“).

Globaldrift
Das Chief Investment Office geht von einem Wachstum für 2022 von 4,7 % in den USA und 4,6 % in der Eurozone aus. Und China?

Die Volksrepublik investiert rund 750 MrdUSD in Häfen, Straßen und Bahnstraßen zwischen Asien und Europa sowie in Afrika. China konnte ein Wachstum von 2,27 % im Krisenjahr 2020 verzeichnen und wird dieses Jahr ein voraussichtliches Wachstum von 8,2 % verzeichnen. Nächstes Jahr sollen es dann „nur mehr“ 5,6 % sein – die offizielle Staatsdoktrin dazu lautet „Moderate Prosperity“.

Müller vom Deutsche Bank Wealth Management kam in seinem Marktbericht zuletzt auf den Bereich Relokalisierung und diversifizierte Lieferketten zu sprechen, denn „das ist bestimmt nicht die letzte Pandemie, die wir erleben werden“.

Foto: AdobeStock / Zerbor

 

 

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