Kollateralschäden für Normalverdiener

Die Wohnimmobilienpreise sind im Euroraum im zweiten Quartal um 6,8 % gestiegen.

Michael Kordovsky. Stiftungen und Superreiche flüchten nach wie vor in Betongold, während immer mehr Experten die galoppierende Inflation kommentieren, doch die wahre Geldentwertung findet nicht an der Supermarkt-Kasse statt sondern am Immobilienmarkt. Vom dritten Quartal 2020 bis zum zweiten Quartal 2021 beschleunigte sich im Euroraum der Preisauftrieb bei Wohnimmobilien von 5,0 auf 6,8 % und somit den höchsten Stand seit dem vierten Quartal 2006. In der EU wurde mit 7,3 % der stärkste Anstieg seit dem dritten Quartal 2007 erreicht.

Das sind die Messergebnisse der Hauspreis-Indizes (HPIs), deren Grundgesamtheit aus allen von Haushalten erworbenen Wohnimmobilien besteht, sowohl Neu- als auch Altbauten, unabhängig von ihrer endgültigen Verwendung und ihren bisherigen Eigentümern. Die HPIs der Mitgliedstaaten werden von den nationalen Statistikämtern erstellt, die Aggregate der HPIs für den Euroraum und die EU von EuroStat.

Mittlerweile weisen im zweiten Quartal 2021 elf EU-Mitgliedsstaaten zweistellige Preissteigerungen am Wohnimmobilienmarkt auf. Die Superlative sind Estland (+16,1 %), Dänemark (15,6 %), Tschechien (14,5 %) und Luxemburg (13,3 %). Um 4,9 % rückläufig entwickelten sich die Preise nur auf Zypern, während sie in Italien mit 0,4 % Plus stagnierten. Indessen 11,7 % Plus gab‘s in Österreich und 10,9 % in Deutschland.

Geldmengenexpansion führt zu Asset Inflation
Die Euribor-Sätze befinden sich im Bereich der historischen Tiefs und Fixzinskredite mit besonders langer Bindungsdauer werden zumindest im deutschsprachigen Raum immer beliebter. Doch den Rahmen des Geschehens gibt die Geldmengenentwicklung der vergangenen Jahre vor. Von August 2016 bis August 2021 wuchs im Euroraum die Geldmenge M3 um 6,2 % p.a. Dieses Wachstum beschleunigte sich ab August 2019 auf 8,3 % p.a.

In den USA lag im gleichen 2-Jahres-Zeitraum die Geldmengen-M3-Ausweitung bei 18 % p.a. Entsprechend war auch der Einfluss auf den Wohnimmobilienmarkt: Der „S&P CoreLogic Case-Shiller 20-City Home Price Index“ stieg im Juli 2021 gegenüber dem Vorjahresmonat um 19,9 % (Rekordwert). Die stärksten Preisanstiege verzeichneten die Metropolen Phoenix (32,4 %), San Diego (27,8 %) und Seattle (25,5 %).

Auf der Consumer-Inflation Seite standen zuletzt 3,4 % im Euroraum 5,4 % in den USA gegenüber, was primär eine Folge der explodierenden Energiepreiskomponenten war. Doch immer mehr Produktgruppen sind von Lieferkettenunterbrechungen und Ausfällen betroffen, was Preissteigerungen zur Folge hat. Gleichzeitig fordern die Gewerkschaften ihren Tribut und die Lohn-Preis-Spirale beginnt sich gerade zu drehen.

Consumer Inflation nur die Spitze des Eisbergs
Im Vergleich zu den Asset-Bubbles, angefangen bei Negativrenditen für Staatsanleihen bis hin zu Aktien-KGVs von mehr als 50 bei Wachstumswerten des Technologiesektors und den explodierenden Immobilienpreisen, ist die Consumer-Inflation nur ein Nebenschauplatz. Wohnen, als elementarstes Grundbedürfnis, ist in den meisten Metropolen weltweit für den Durchschnittsverdiener bereits unerschwinglich – eine Folge des Immobilienbooms. Nun beginnen Preisexplosionen in den Speckgürteln sowie dem weiteren Umland teurer Städte.

Mit den überzogenen Anleihenkäufen, Null-/Niedrigst-Zinsen und der massiven Liquiditätsflutung des Bankensystems haben die weltweit bedeutendsten Notenbanken ein „Monster“ erschaffen, das nun völlig außer Kontrolle immer mehr an der Kaufkraft der Normalbevölkerung nagt.

Es ist die Asset-Inflation, die das Wohnen zum Luxus macht und dafür verantwortlich ist, dass immer mehr Gelder der privaten Haushalte in Form von Mieten, Anzahlungen und Kreditraten fürs Wohnen draufgehen. Da bleibt für andere Belange immer weniger Budget. Dies erklärt auch, warum sich die Erzeugerpreisinflation noch nicht vollständig den Weg zum Verbraucher bahnen konnte. Großhandel und Einzelhandel sowie diverse Dienstleister geben bisher erst einen Teil ihrer gestiegenen Input-Preise an die nächste Stufe bzw. den Endverbraucher weiter.

Dies machen sie, um nicht Marktanteile an günstigere Anbieter zu verlieren, denn sie wissen eines: Im aktuellen unsicheren Umfeld sparen die Verbraucher mehr denn je an ihren alltäglichen und besonderen Ausgaben.

Foto: AdobeStock / Aamon

 

 

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