„Wiener Berichtsaison war beeindruckend gut“

Experte Alois Wögerbauer wagt im Börsen-Kurier-Interview den Ausblick auf 2022.

Patrick Baldia, Börsen-Kurier: Trotz des erneuten Lockdowns und des Auftauchens der neuen Virus-Mutation Omikron hat der ATX zuletzt keine großen Verluste verzeichnet. Sind die Anleger zu gelassen bzw. verkennen sie gar die Situation?

Alois Wögerbauer: Der Markt verkennt die Situation nicht. Dass er bis-lang relativ gelassen geblieben ist, hat zwei Gründe: Erstens haben die Unternehmen so wie wir alle mittlerweile gelernt, mit Lockdowns umzugehen. Dass beispielsweise bei uns 75 % der Mitarbeiter im Homeoffice und nur 25 % vor Ort im Büro sind, ist heute für alle völlig normal. Zweitens, und das ist auch der Hauptgrund: An der Wiener Börse notieren nur Unternehmen, die ihre Absatzmärkte auf globaler Ebene haben. Der wirtschaftliche Impact des Lockdowns in Österreich sollte also überschaubar bleiben. Die leichte Korrektur der letzten Tage könnte aber auch darauf zurückzuführen sein, dass die Anleger zum Jahreswechsel viel geneigter sind, Gewinne mitzunehmen.

Börsen-Kurier: Könnte ein möglicher Lockdown in Deutschland das Sentiment beeinflussen?
Wögerbauer: Ich glaube, dass ein möglicher Lockdown in Deutschland niemand überraschen würde. Dass der Dax seit Mitte November an Boden verloren hat, liegt auch am Regierungswechsel. Lange Zeit, bzw. bis zur Unterzeichnung des Koalitionsvertrags, war nicht klar, wohin die Reise gehen wird.

Börsen-Kurier: Was stimmt Sie für den Wiener Marktplatz positiv?
Wögerbauer: Die Berichtsaison war in Wien wirklich beeindruckend gut. Ich hätte nicht geglaubt, dass so viele Unternehmen ihre Guidance bestätigen und etliche sogar erhöhen würden. Aber nicht nur die Finanzaktien haben geliefert, sondern grundsätzlich alle. Zumindest kurzfristig erschließt sich mir daher keine Logik, dass das abreißen sollte. Dafür spricht auch die extrem gute Auftragslage der Industrie.

Und selbst wenn der Lockdown bis Jänner dauern sollte, wird halt das erste Quartal etwas schwächer ausfallen, das zweite dafür wieder wesentlich stärker sein. Das kommende Jahr wird insgesamt sicher schwankungsintensiver als 2021. Am Ende des Tages sollte es aber positiv enden.

Börsen-Kurier: Welche Risiken sehen Sie im kommenden Jahr?
Wögerbauer: Das meiste, was uns in den kommenden Monaten beschäftigen wird, hat nichts mit Österreich zu tun und wird von außen reinschwappen. Dazu gehört die US-Notenbankpolitik. Damit meine ich aber nicht etwaige Zinserhöhungen, sondern das Tapering, also die Reduzierung der Anleihekäufe. Falls das schneller vonstattengeht – wenn sich etwa herausstellt, dass die Inflation doch nicht so temporär ist -, könnte das die Märkte beunruhigen. Eine große Wende an der Börse sollte das aber nicht einleiten. Weiters sehe ich auch geopolitische Risiken, wie etwa eine Verschärfung des Konflikts zwischen China und Taiwan oder des Streits zwischen der Volksrepublik und den USA.

Börsen-Kurier: Welche Wiener Aktien haben Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude bereitet?
Wögerbauer: Viele. Da gehört sicher die Wienerberger dazu. Das Unternehmen ist grundsolide unterwegs, wächst Schritt für Schritt – auch durch Zukäufe – und hat ein gut diversifiziertes Produktsortiment. Wienerberger heute als Ziegelproduzenten zu bezeichnen, ist fast schon ein Affront.

Auch die AT&S hat ihr Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Dass der Leiterplattenhersteller in den kommenden Jahren etwa Milliarden Euro investiert, um in der Top-Liga anzukommen, ist für Österreich und auch Europa gut. Positiv überrascht haben mich Erste Group und RBI. Keiner hätte gedacht, dass beide heuer so gut performen. Grundsätzlich haben mich nur wenige Werte enttäuscht.

Börsen-Kurier: Darf man abschließend noch fragen, welche Sie enttäuscht haben?
Wögerbauer: Von Marinomed hätte ich mir mehr erwartet. Das ist zwar ein kleiner Titel, aber für Innovationen bekannt und in der richtigen Branche unterwegs. Dass die Aktie heuer Kursverluste von rund 25 % verzeichnet hat, ist für mich die Enttäuschung des Jahres. Auch die Porr hat mich enttäuscht. Seit Jahren erfüllt das Unternehmen nicht die dem Markt kommunizierten Erwartungen. Semperit hat zwar zuletzt eine schöne Entwicklung hingelegt, die Ausrichtung, vor allem was den Verkauf der Medizinsparte betrifft, bleibt aber unklar.

Foto: 3 Banken

 

 

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