Moskau, ein Markt für Hasardeure

Trotz massiver Kursverluste: Eine politische Entspannung könnte rasch einen Stimmungswechsel einleiten.

Roman Steinbauer. In der Weltpolitik ist die Russische Föderation gegenwärtig präsent wie kaum ein anderer Staat. Der vergangene Montag zeigte erneut auf, wie massiv der Moskauer Finanzplatz von Unsicherheiten geprägt ist. Unternehmen zaudern mit Investitionen, Investoren verkauften während der vergangenen Monate in großem Umfang russische Wertpapiere. Zu groß sind Bedenken, eine politische Eskalation könnte Sanktionen nach sich ziehen, die für so gut wie alle börsennotierten Gesellschaften im größten Land der Erde folgenreich wären.

Der „Kauf bei Kanonendonner“ als Spekulation
Über drei Monate war der Aktienindex RTS (ISIN: RU000A0JPEB3) von einem Abgabedruck gezeichnet, der diesen bis am Montag auf 1.420 Punkte drückte. Obwohl anziehende Rohöl-, Gas- und Basismetallpreise vielen Energieunternehmen (diese vertreten mehr als 50 % der Kapitalisierung im Index) eigentlich hervorragend ins Geschäftskonzept passen, waren auch deren Notizen nicht vor Einbrüchen gefeit. Aber wie die letzte Jänner-Woche kurzfristig signalisierte, fallen Gegenbewegungen rasch und kräftig aus. Galt und gilt Panik generell am Aktienmarkt als schlechter Ratgeber, bestätigte sich diese Weisheit auch kurz nach der Russland-Krise 1998. In diesem Fall kamen waghalsige Anleger auf ihre Rechnung.

Währungsumrechnungen bleiben Investoren bei Papieren des RTS-Index erspart. Der nach Marktkapitalisierung gewichtete Kursindex (ausgeschüttete Dividenden werden dem Punktestand nicht hinzugezählt) konvertiert die Notizen auf Dollar-Basis.

Chancen abseits der Energiegiganten
Die Bedeutung namhafter russischer Gas- und Ölversorger wie Gazprom (US3682872078), Lukoil (US69343P1057), Rosneft (US67812M2070), Tatneft (US8766292051), Novatek (US6698881090) und Rohstoffriesen wie Nornickel (RU0007288411) ist Anlegern geläufig. Den Blick weiter zu schwenken könnte sich aber lohnen. Denn neben Metallurgie-Größen wie Novolipetsk Steel (US67011E2046), Severstal (US8181503025) oder dem Goldförderer Polyus (US73181M1172) notieren im RTS auch Vertreter anderer Branchen mit Perspektiven. Im Lebensmittel- und Einzelhandel etwa von X5 Retail Group (US98387E2054) über Magnit (US55953Q2021) bis zum Düngemittelkonzern PhosAgro (US71922G2093). Diese starken Konzerne sind zudem durchwegs an deutschen oder US-Börsen gelistet.

Die Inflation und Kriegsgefahr überschatten
Einerseits stellt die hohe Abhängigkeit vom Rohstoffhandel chronisch einen ökonomischen Makel für die Russische Föderation dar, andererseits sieht die derzeitige Datenlage des Landes keineswegs besorgniserregend aus.

Die Abwertung des Rubels blieb im Verhältnis zum Euro mit 16 % im Verlauf der vergangenen drei Jahre überschaubar. Um der stark steigenden Inflationsrate von 8,7 % (Jänner zum Vergleichsmonat des Vorjahres) entgegenzuwirken, hob die Notenbank den Leitzins in der Vorwoche das achte Mal in Folge auf nun 9,5 % an.

Der Handelsbilanzüberschuss schwoll im Zuge der hohen Energiepreise nach Angaben des staatlichen Statistikamtes im Dezember (letzte Daten) auf den historischen Rekordwert von 27 MrdRUB (310 Mio Euro) an. Für diesen Vergleichszeitraum konnte das Wirtschaftsministerium in Moskau mit +4,3 % neun Perioden in Folge ein BIP-Wachstum melden.

Stabil zeigt sich ebenso der Einzelhandel, der mit +5,4 % sogar überraschte. Ebenso sind die hohen Rohstoffnotizen für den Rekordstand an Währungsreserven verantwortlich, die nach Angeben der Notenbank auf 649 MrdUSD (571 Mrd Euro) kletterten.

Und auch die Arbeitslosenrate (das sind die Beschäftigung suchenden Arbeitsfähigen aller Altersstufen) liegt mit 4,3 % auf dem tiefsten Niveau seit den Aufzeichnungen nach dem Zerfall der UdSSR.

Foto: AdobeStock / World Images

 

 

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