Die Sanktionen und ihre Folgen für Osteuropa

Eine Analyse der wirtschaftlichen Konsequenzen der Ukraine-Krise auf die CEE-Region.

Raja Korinek. Der Krieg in der Ukraine dauert an, die Sanktionen werden härter. Die USA haben ein Importembargo auf russisches Öl verhängt. Auch die EU hat eine Reihe an Sanktionen erlassen, wobei Mitte März das vierte Paket beschlossen. Es umfasst etwa Einfuhrbeschränkungen für ausgewählte Produkte der russischen Eisen- und Stahlindustrie sowie ein umfassendes Verbot neuer Investitionen in den russischen Energiesektor. Bereits zuvor wurde der Export von Technologiegütern und Technologien für den Ölsektor verboten. Obendrein ziehen sich immer mehr europäische Unternehmen aus Russland zurück.

Freilich, die wirtschaftlichen Folgen sind auf beiden Seiten der Fronten zu spüren. Grzegorz Sielewicz, Ökonom für die Region Zentral- und Osteuropa (CEE) beim Kreditversicherer Coface, geht in seiner jüngsten Arbeit auf eben diese ein. Der Börsen-Kurier war bei der Präsentation dabei.

Hohe Rohstoffabhängigkeit
Sielewicz verweist zunächst auf die hohe Abhängigkeit der EU von Russlands Rohstoffen. Mehr als 40 % der Gasimporte kommen aus der Region. Ebenso wenig sollten die großen Mengen an Weizen- und Kaliexporte unterschätzt werden, wobei auch Belarus jede Menge nach Europa geliefert hatte – bis diese Anfang März aufgrund westlicher Sanktionen gestoppt wurden. „Nun, da die Düngemittelpreise weltweit steigen, belastet solch ein Embargo umso mehr“, konstatiert der Coface-Experte.

Auch der zunehmend schleppende Import zahlreicher Industriemetalle aus Russland – dazu zählen Palladium, Nickel und Platin – bekommt Europas Industrie zunehmend zu spüren. Dies verschärft die ohnedies angespannte Lage etwa in der Chip- und Automobilindustrie.

Auch bei Russlands Konjunktur werde der Handelskrieg tiefe Spuren hinterlassen. Sie dürfte Coface-Schätzungen zufolge heuer deshalb um rund 7,5 % schrumpfen. „Weitere Abwärtsrevisionen können nicht ausgeschlossen werden.“ Noch vor Ausbruch der Ukraine-Krise lag die Prognose bei +2,6 %.

Wirtschaftswachstum schrumpft
Doch auch für die CEE-Region wurden die Prognosen für heuer nach unten revidiert. Ein besonderes geringes Wirtschaftswachstum räumt Coface Estland mit 1,5 % ein, gefolgt von Litauen mit 1,6 % ein. Die Regionen hatten bislang sehr enge wirtschaftliche Verflechtungen mit Russland. Litauen liefert etwa jede Menge Maschinen nach Russland. Aus Estland sind es vor allem Computer. Demgegenüber werden Ungarn (3,9 %) und Polen (3,5 %) die höchsten Wachstumsraten in der Region eingeräumt. Für Österreich wird die BIP-Prognose auf 3,4 % gesenkt.

In Polen hebt Sielewicz auch die besonders hohe Anzahl an ukrainischen Flüchtlingen hervor: „Dieser Umstand könnte kurzfristig den Binnenkonsum ankurbeln.“ Er verweist in diesem Zusammenhang unter anderem auf eine höhere Nachfrage im Bereich der Beherbergungen und des Konsums.

Inflation steigt kräftig an
Einzig, auch die Inflation steigt in der CEE-Region, nicht zuletzt aufgrund höherer Rohstoffpreise, die sich im Osten kräftig niederschlagen. Dort liegt der Inflations-Schnitt über jenem der EU, der im Feber 6,2 % erreichte. In Litauen lag die Teuerung bei 14 %, in Estland bei 11,6 %. In Rumänien erreichte sie 7,9 %. Zumindest aber würden einzelne Staaten gegensteuern, zeigt Sielewicz auf. In Ländern wie Tschechien, Ungarn und Polen wurden die Leitzinsen angehoben. Obendrein sind letztere zwei Länder um eine Entlastung beim Spritpreis bemüht.

Foto: Adobe Stock / kryscina

 

 

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