Geheizte Räume auf dem Spiel?

Europas Energieversorgung ist viel zu stark von Russland abhängig.

Michael Kordovsky. Als am vergangenen Donnerstag russische Truppen die Ukraine angriffen, explodierte der Preis für UK-Erdgas (GWM April 2022) von knapp unter 220 auf mehr als 340 GBPence, ehe tags darauf wieder ein Rückgang um 22 % folgte. Die Kriegsunsicherheit trieb den Preis in exorbitante Höhen, ehe schon die Aussichten auf erneute Verhandlungen den Preis wieder um 22 % nach unten drückten. Diese Volatilität ist Zeichen der Unsicherheit. Niemand weiß wirklich, was Wladimir Putin mit seinem Angriffskrieg erreichen will. Weiterer Unsicherheitsfaktor bleibt das Verhalten Chinas. Aktuell verhält es sich neutral, weil Europa und die USA ja auch die wesentlich größeren Handelspartner sind, aber es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Volksrepublik die Ukraine-Krise nützt, um Taiwan zu annektieren.

Wie auch immer, saftige Sanktionen der EU gegen Russland folgen und die weiteren Reaktionen Moskaus bleiben abzuwarten. Die Befürchtung – vor allem im Zuge des Swift-Ausschlusses Russlands am Wochenende – vieler: Moskau stellt die Gaslieferungen ein und wir müssen uns dann, im wahrsten Sinne des Wortes, warm anziehen.

Laut der heimischen Energieagentur (Austrian Energy Agency) stammt das in Österreich eingesetzt Erdgas zu rund 80 % aus Russland, EU-weit sind es rund 40 %. Als Gas-Transitland spielt dabei die Ukraine eine wichtige Rolle: Im Westen des Landes laufen drei große Trassen für russisches Gas zusammen: Aus dem Norden Sibiriens kommen zwei, vom Gasfeld Urengoi die Trasse „Bruderschaft“ (Bratstvo) und von der Jamal-Halbinsel kommt ein Abzweiger der Trasse Yamal über Belarus. Eine weitere Trasse mit dem Namen „Einheit“ (Soyuz), kommt aus dem südlichen, zentralasiatischen Teil Russlands.

Österreich besonders abhängig, aber …
Laut den von Statista unter Berufung auf die „European Union Agency for the Cooperation of Energy Regulators“ für 2020 veröffentlichten Daten beziehen Nordmazedonien, Bosnien und Herzegowina und Moldawien 100 % ihres Erdgases aus Russland. Finnland, Lettland und Bulgarien importieren jeweils 94, 93 bzw. 77 %. Hingegen sind Frankreich und die Niederlande nur zu 24 bzw. 11 % von russischem Erdgas abhängig. Die Ukraine bezieht seit 2015 ihr Gas aus der EU und auch Irland ist vollständig unabhängig von Russland. Indessen hängen Italien und Deutschland jeweils mit 46 bzw. 49 % von Putin ab.

Franz Angerer, er ist Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur, meint in diesem Zusammenhang zum Börsen-Kurier: „80 % des Erdgases in Österreich kommen aus Russland – damit ist die Abhängigkeit hoch. Österreich verfügt zwar über relativ große Speicherkapazitäten, diese sind aber auf einem historisch niedrigen Stand: Derzeit sind etwa 17 TWh in den österreichischen Speichern gelagert, rund ein Fünftel der Gesamtkapazität. Ein völliger Stopp der Gaslieferungen durch die Ukraine kann aus heutiger Sicht nicht vollständig kompensiert werden und würde die Mechanismen der Energielenkung auslösen. Dieser Mechanismus sieht vor, große industrielle Gasverbraucher sukzessive vom Netz zu nehmen. Ziel dieser Maßnahmen ist ein geordnetes Vorgehen und eine möglichst lange Weiterversorgung der Haushalte und Kraftwerke.“

Erfrieren wird voraussichtlich niemand in den eigenen vier Wänden, denn: „Die heimischen Haushalte benötigen aktuell rund 2 bis 3 TWh pro Monat. Für das Heizen der Haushalte ist auf jeden Fall genug Erdgas vorhanden“, so Angerer, der noch einen weiteren Lichtblick aufzeigt: „Die EU-Diplomatie ist aktuell bemüht, möglichst große Mengen an Flüssiggas aus möglichst vielen Lieferländern verfügbar zu machen. Wir sehen bereits jetzt eine deutliche Steigerung der Flüssiggasimporte in Europa. Eine sofortige Vollversorgung Europas mit europäischem Erdgas und mit Flüssiggas ist auf Grund fehlender Infrastrukturen aber noch nicht vorstellbar.“

Allerdings könnten laut Meinung des Börsen-Kurier die USA ihre Erdgasförderung deutlich ausweiten. Der Engpass sind nämlich nicht die Vorkommen, sondern die Flüssiggas-Terminals, die das über Pipelines angelieferte Erdgas für den Transport auf Spezialschiffen verflüssigen. Da kaum mehr Schiffe beladen werden können, werden in einer Art „Bieterstreit“ mit Asien gegen entsprechende Bezahlung immer häufiger Frachtschiffe nach Europa umgeleitet. Mittlerweile geht bereits die Hälfte des Flüssiggases nach Europa. Doch es gibt langfristige Lieferverträge amerikanischer Lieferanten mit China, sodass diese „Sonderkonstellation“ kein Dauerzustand ist.

Langfristige Alternativen
Aber wie sollen Europa und auch Österreich zukünftig von russischem Erdgas unabhängiger werden? „In erster Linie gewinnen natürlich die heimischen europäischen Produktionen an Bedeutung, wobei jedoch mit keinen langfristigen Zuwächsen zu rechnen ist. Nordafrika, vor allem Algerien, wird ebenfalls wichtiger werden. Kurzfristig kann aber nur Flüssiggas Erdgas aus Russland in bedeutenden Mengen ersetzen. LNG kommt in großen Mengen aus den USA, große Produzenten sind auch Katar oder Australien. Der Import in Europa hat sich im Jänner 2022 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Waren es im Jahr 2021 im Schnitt 18 %, stieg der Wert im Jänner 2022 auf teilweise über 35 %. LNG deckt damit bereits ein Drittel des in Europa verwendeten Gases“, erklärt Angerer gegenüber dem Börsen-Kurier, und er zeigt noch einen weiteren wichtigen Aspekt: „Mittelfristig muss die Unabhängigkeit von fossilem Erdgas das Ziel sein – und ist in Österreich mit der Klimaneutralität bis 2040 und in Europa bis 2050 auch festgeschrieben. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen erneuerbare Energien und auch die Netze massiv ausgebaut werden. Jedes Windrad mehr verringert die Abhängigkeit von Gasimporten und erzeugt Energie zu niedrigen Preisen. Denn für Wind oder Sonne müssen wir im Gegensatz zu Erdgas nichts zahlen.“

Foto: AdobeStock / ArtmannWitte

 

 

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