Ist die nächste Rezession im Anmarsch?

Ein Komplett-Abbruch geschäftlicher Beziehungen mit Russland ist gefährlich.

Michael Kordovsky. Noch im Jänner rechnete der IWF für 2022 und 2023 mit je 4,4 bzw. 3,8 % Weltwirtschaftswachstum. Doch Inflationsschock und Ukraine-Krieg machen einen Strich durch die Rechnung. Firmen, die im Laufe von Jahrzehnten in Russland Niederlassungen und Zweigwerke errichteten oder Joint Ventures eingingen, ziehen sich über Nacht aus Russland zurück. Exporteure stellen Warenlieferungen ein und Importeure brechen die Geschäftsbeziehungen zu Russland ab. Sanktionen beschränken den Warenverkehr. Im Energiebereich gibt es Exportsperren für bestimmte Güter, genauso für Flugzeugteile und Mikrochips. Gleichzeitig sind mehrere russische Banken vom Zahlungsverkehr im Swift-System ausgeschlossen und die Kreditkartenanbieter Mastercard und Visa setzen Sanktionen gegen Russland um. In der Folge kommt der Handel immer mehr zum Erliegen und die Karawane des Rückzugs wird zunehmend prominenter und länger.

Namhafte Beispiele des internationalen Boykotts
Apple stellt vorerst Verkäufe von Smartphones, Tablets und anderen Produkten ein und schränkt den Bezahldienst Apple Pay und andere Dienste ein. Siemens streicht das Neugeschäft und stoppt internationale Lieferungen. Aldi stellt den Verkauf von russischem Wodka ein und H&M verkauft bis auf weiteres überhaupt nichts mehr in Russland.

BMW wiederum schließt vorerst seine Produktionsstätten im russischen Kaliningrad und stellt Exporte ein. Nike sperrt Online-Verkäufe, Boeing setzt das Russland-Geschäft aus, Ford zieht sich komplett zurück, Volvo stoppt die Produktion und den Verkauf in Russland und der weltgrößte Lkw-Hersteller Daimler Truck friert seine Kooperation mit dem russischen Produzenten Kamaz ein. Gleichzeitig mustern westliche Supermärkte reihenweise russische Produkte aus und sogar Speditionen stellen Sendungen nach Russland vorerst ein. Es sieht so aus, als gehöre Russland-Boykott bereits im Rahmen ESG-orientierter Unternehmensführung zum guten Ton mit gewisser PR-Wirkung.

Globale Wachstumsdelle durch Sanktionen, aber …
Doch sollten die gesamten volkswirtschaftlichen Verluste durch Wegfall des Russland-Geschäftes und der Rubelabwertung, die unter Umständen sogar zur Hyperinflation in Russland führen könnte, nicht unterschätzt werden. Eine Halbierung von Russlands Wirtschaftsleistung wäre nicht verwunderlich. Russlands Anteil am Welt-BIP liegt aber bei 3,1 %. Gleichzeitig kommen Russlands Importe vollständig zum Erliegen.

Nehmen wir 2019 als letztes Jahr vor Corona: Die Importe Russlands machten damals laut Michigan State University 247,16 Mrd-USD aus. Wichtigster Partner war China, das 2019 Waren im Wert von rund 54 MrdUSD nach Russland exportierte, gefolgt von Deutschland (25 MrdUSD), Belarus (14 MrdUSD) und den USA (13 Mrd-USD). Die Importe Russlands wären also in vernachlässigbarer Größenordnung und können schnell durch höhere Rüstungsausgaben weltweit überkompensiert werden. Allein der deutsche Kanzler Olaf Scholz kündigte zum Upgrade der Bundeswehr 100 MrdE an Sonderbudget an. Es geht bei den Exporten nach Russland primär um technische Produkte, nämlich industrielle Maschinen (43 MrdUSD), elektrische Maschinen (30 MrdUSD) und Fahrzeuge samt Ersatzteilen (24 MrdUSD). Mit aller Multiplikator-Wirkung würde aufgrund der schwindenden Wirtschaftskraft Russlands und des Wegfalls der Exporte dorthin die globale Konjunktur vielleicht zwischenzeitlich auf einen Wachstumslevel von 2,4 % abkühlen.

Rezessionspotenzial durch Angebotsschock
Wesentlich gefährlicher sind der Angebotsschock und der daraus resultierende Inflationsschub. Russlands Exportvolumen 2019 sieht mit 427 MrdUSD global gesehen noch einigermaßen überschaubar aus, doch die Exportwaren sind von Bedeutung. Es geht nämlich um wichtige Grundstoffe. Alleine die EU deckt 40 % ihres Erdgasbedarfs mit Russland-Importen, Österreich sogar 80 %, und wenn diese hierzulande wegfallen, bedeutet dies Rationierung und Produktionsstopp für zahlreiche Industriebetriebe.

Und es kommt noch schlimmer, bis hin zur drohenden globalen Hungersnot im Worst Case: In der Ukraine überschatten die kriegerischen Auseinandersetzungen die Frühjahresaussaat von Weizen. Allerdings kommen ca. 30 % der weltweiten Weizen-Exporte aus Russland und der Ukraine und laut International Grain Council (IGC) werden die Reserven der wichtigen Weizen-Exporteure EU, Russland, USA, Kanada, Ukraine, Argentinien, Australien und Kasachstan in der aktuellen Erntesaison 2021/22 auf ein Neun-Jahres-Tief von 57 Mio. Tonnen fallen. Rechnet man russische und ukrainische Lagerbestände heraus, liegt die Versorgungssicherheit bei weniger als drei Wochen.

Der Märzkontrakt für Weizen ist allein vergangene Woche um 42 % gestiegen, im laufenden Jahr um 56 %. Ägypten mit mehr als 100 Mio Einwohnern importiert einen großen Teil des Weizens aus Russland und der Ukraine, gleiches gilt für Tunesien, während die Türkei 2020 rund 65 % ihres Weizens aus Russland bezog. Hier könnten steigende Weizenpreise die Inflation nochmals befeuern und sogar zu einem politischen Umsturz führen. Ebenso sozialer Sprengstoff wären explodierende Brotpreise in Ägypten und Tunesien.

Aufgrund eines Mangels an Düngemitteln (zeichnete sich schon vor dem Ukraine-Krieg ab) könnte es bald weltweit zu rückläufigen Ernten kommen und die Witterung tut ihr Übriges, denn: Russland ist weltweit einer der wichtigsten Lieferanten von Düngemitteln und verwandten Rohstoffen. Im Vorjahr war Russland größter Exporteur von Harnstoff, NPK-Mehrnährstoff-Düngern (Stickstoff, Phosphor und Kalium), Ammoniak, HAN-Düngern und Ammoniumnitrat. Auch ist Russland drittgrößter Kaliexporteur und bei Phosphaten und Schwefel auf Rang vier. Russland und Weißrussland liefern circa 40 % der weltweiten Kali-Exporte, zu deren Hauptabnehmern China, Brasilien und Indien gehören.

Weitere Schwierigkeiten wird der Westen noch durch Nickel- und Palladiummangel bekommen, denn: Russlands Förderanteil an Palladium liegt bei 43 %. Es wird für Auto- und Industriekatalysatoren benötigt. Der weltgrößte Palladium- und raffinierte Nickelproduzent der Welt ist Norilsk Nickel. Als Batteriemetall in E-Autos und wichtiges Legierungsmetall könnte auch Nickel knapp werden. Das Hauptopfer dieser Entwicklungen ist die Automobilindustrie – nicht zuletzt auch durch Ausfälle ukrainischer Hersteller von Kabelbäumen. Wegen fehlender Kabelbäume drosseln bereits Mercedes-Benz, BMW, Volkswagen, Porsche, Audi und der Lkw-Hersteller MAN ihre Produktion.

Fazit
Zu den coronabedingten Lieferausfällen gesellen sich nun die Kriegsfolgen, während der Öl- und Inflationsschock seinen Verlauf nimmt. Fakt ist, dass bereits seit 1973 vier Ölschocks zumindest Co-Faktoren einer Rezession waren und auch die Getreideknappheit aktuell ein Thema ist. Die nächste Rezession könnte somit im Anmarsch sein.

Foto: Pixabay / NeonLightsQuito

 

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