Wann endet die Teuerungswelle?

Die hausgemachte Inflationskrise hat ein Ablaufdatum.

Michael Kordovsky. Zuerst Corona-Maßnahmen, die weltweit Lieferketten unterbrechen, dann ein Krieg, der in der Ukraine zu enormen Ernteausfällen führt, während Russland voraussichtlich bis 30. Juni keinen Weizen, Roggen und Gerste exportiert – das sind Faktoren künstlicher Verknappung. Hinzu kommen ein Mangel an Lkw-Fahrern, an Schiffscontainern im asiatischen Raum, Chipknappheit und erneute kriegsbedingte Lieferkettenunterbrechungen. Fakt ist, dass mittlerweile die Inflation hartnäckiger ist, als die Volkswirte der Notenbanken ursprünglich erwartet haben. Kaum sah es danach aus, als gäbe es beim „Corona-Spuk“ Licht am Ende des Tunnels, kam am 24. Feber der Krieg in der Ukraine dazwischen. Blickt man aktuell auf vier Wochen Krieg zurück, dann haben sich alleine in diesem Zeitraum Rohstoffe wie folgt verteuert: Erdöl (Brent) um 24 %, Erdgas um 19 %, Diesel um 39 %, Mais um 14 %, Hafer um 15 %, Zucker um 9 %, Sojabohnen um 7 %, Weizen um 26 %, Aluminium um 14 % und Nickel um 54 %. Auf Jahressicht die stärksten Preissteigerungen verzeichneten Nickel mit +130 %, Diesel mit +120 %, Erdöl (WTI) mit +99 %, Weizen mit +77 % und Baumwolle mit +70 %.

Bereits im Feber überschlugen sich die Inflationsrekorde: Im Euroraum kletterte die Inflationsrate von 5,1 % (Jänner) auf ein absolutes Rekordhoch von 5,9 %. In den USA war es mit 7,9 % der höchste Stand seit Jänner 1982.

Betroffene Verbraucherpreiskomponenten
Die Kerninflationsrate (der Verbraucherpreisindex ohne die volatilen Komponenten Nahrungsmittel und Energie) stieg in den USA im Feber um 6,4 % und somit so stark wie seit August 1982 nicht mehr. Während der Energieindex um 25,6 % explodierte, stieg der Nahrungsmittelindex erst um 7,9 %. Das war der stärkste Anstieg seit Juli 1981, aber der jüngste Ukraine-Schock kommt noch. Auslieferungsverzögerungen in der Automobilindustrie führten bei Neuwägen zu einem Preisanstieg um 12,3 % und infolge des verstärkten Ausweichens auf Gebrauchtwägen dort sogar zu einem Preisanstieg um 41,2 %. Außerhalb des Agrarsektors stiegen die Stundenlöhne in den USA bereits um 5,1 % und die Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung gingen in der am 19. März endenden Abrechnungswoche um 28.000 auf 187.000 und somit den niedrigsten Stand seit September 1969 zurück – und dies bei einer Arbeitslosenquote von nur noch 3,8 % im Feber. Der Arbeitsmarkt ist völlig leergefegt und die Lohn-Preis-Spirale beginnt sich zu drehen. Unter Betrachtung dieser Tatsachen sind spätestens bis Juli zweistellige Inflationsraten in den USA möglich.

Während in den USA die hohe Inflation bereits auf breiter Basis spürbar ist, ist es im Euroraum noch immer eine primäre Verzerrung des Preisgefüges durch die Energiepreiskomponente, die mittlerweile im HVPI mit 10,93 % gewichtet ist. Ihr Anstieg beschleunigte sich von Jänner auf Feber von 28,8 auf 32 %! Unverarbeitete Lebensmittel verteuerten sich um 6,2 %, aber Dienstleistungen und Industriegüter – je 41,67 bzw. 26,52 % gewichtet – nur um jeweils 2,5 bzw. 3,1 %. Der HVPI ex Energie verteuerte sich nur um 3,1 % und ohne Energie Lebensmittel, Alkohol und Tabak gar nur um 2,7 %.

Die Macht der Marktzyklen
Im Falle eines schnellen Kriegsendes und konstruktiver Handelslösungen könnte der Ölpreis wieder in den Bereich 80 bis 90 USD/Barrel zurückfallen. Im Euroraum wäre dann wahrscheinlich bis Sommer der Inflationshöhepunkt überschritten, zumal schon ein bewussterer Nahrungsmittelkonsum zu einer Entspannung an der Agrarpreis-Front führen kann. Würde ein großer Teil der Lebensmittel, die im Müll landen, nicht gekauft werden, würde dies starke Preisrückgänge bedeuten, denn:

Laut einer Studie der Welternährungsorganisation der UNO (FAO) werden weltweit jährlich rund 1,3 Mrd Tonnen an Lebensmitteln weggeworfen. Berücksichtigt ist die Entsorgung entlang der gesamten Wertschöpfungskette – vom Anbau über die Produktion und Vertrieb bis hin zum Konsum. Diese Menge entspricht einem Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel und teilt sich zu gleichen Teilen auf Industrienationen und Entwicklungsländer auf.

Ebenfalls noch erhebliche Einsparpotenziale gibt es im Energiebereich, die durch thermische Sanierung von Häusern und Fahrzeuge mit geringerem Treibstoffverbrauch sowie E-Autos zunehmend ausgeschöpft werden. Hinzukommt die Forcierung erneuerbarer Energien, sodass – unabhängig vom Kriegsverlauf – innerhalb der kommenden drei bis fünf Jahre wieder von einer deutlichen Entspannung an der Preisfront ausgegangen werden kann.

Auf der Industrie- und Rohstoffseite sollten noch die berühmten Marktzyklen beachtet werden. Je höher die Preise für Erdöl, Erdgas und Industriemetalle sind, desto mehr lohnt es sich, für Unternehmen die Förderkapazitäten zu erhöhen. Nach einer mit Knappheit verbundenen Hochpreisphase normalisiert sich das Angebot. Allerdings können im Minenbereich mehrere Jahre vergehen, bis dies deutlich spürbar wird. Auch in der Ölförderung werden über Jahre die Kapazitäten erweitert, während Saudi-Arabien meist mit schneller Förderausweitung „Soforthilfe“ leistet und über Aramco das hohe Preisniveau gut nützt. Irgendwann ist dann in den Märkten der Punkt der Überproduktion erreicht. Doch die Kapazitäten sind gerade hochgefahren worden und der Mitbewerb wird härter, da mit zunehmendem Überangebot die Preise umso stärker zurückgehen. Je nach Leidenstoleranz der einzelnen Produzenten geht es so noch eine Weile weiter, ehe vereinzelt Kapazitäten heruntergefahren werden. Zunehmend mehr Unternehmen folgen, solange bis wieder eine längere Zeit ein Angebotsdefizit vorherrscht und das gestiegene Preisniveau erneut zum Hochfahren der Produktion bzw. Ausbau der Kapazitäten ermutigt. Der Rohstoffmangel von heute könnte sich spätestens binnen fünf Jahren, teils auch schon früher in einen Überschuss verwandeln. Es sollte dabei niemand vergessen, in welch schnelllebiger Zeit wir leben und dass manche Szenarien noch viel schneller eintreffen als ursprünglich erwartet.

Fazit
Binnen drei Jahren sollte eine deutliche Entspannung an der Preisfront spürbar werden und unter optimalen Bedingungen könnte zumindest in Europa noch heuer (eventuell sogar bis Sommer) der Inflationshöhepunkt überschritten sein.

Foto: Pixabay / Alexas_Fotos

 

 

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